Handwerker arbeiten auf einem Dach an einer Solaranlage KI-generiert
Datum der Veröffentlichung: Lesezeit: 3 Minuten

Photovoltaikboom ist gleich Absturzboom?

„Todesfalle Dach – warum der Solarboom Leben kostet“ – die Schlagzeile einer Boulevardzeitung sorgte im Sommer 2026 für Aufsehen. Ist da was dran? Die Zahlen erzählen eine andere Geschichte. Fakt ist: Wenn auf Dächern ohne Sicherung gearbeitet wird, können Absturzunfälle passieren. Wir erklären, wie man sicher auf dem Dach arbeitet.

Das Wichtigste im Überblick

  • Der Photovoltaikboom führt nicht automatisch zu mehr tödlichen Absturzunfällen.
  • Besonders gefährlich ist der Zugang zum Dach: Leitern an der Dachrinne sind für PV-Montagen ungeeignet; Solarmodule dürfen nicht über Leitern transportiert werden.
  • Absturzgefahren bestehen an Dachkanten ebenso wie auf nicht durchtrittsicheren Flächen, etwa Lichtkuppeln, Lichtplatten oder Wellplatten.
  • Vor Beginn der Arbeiten müssen Gefährdungsbeurteilung, Montageanweisung, Zugang, Materialtransport, Zuständigkeiten und Rettungskette geklärt sein.
  • Gerüste und Seitenschutz sind die wichtigsten technischen Schutzmaßnahmen; reichen sie nicht aus, ist persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz erforderlich.
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Immer mehr Solaranlagen bringen immer mehr Menschen auf Dächer. Dadurch können mehr Unfälle entstehen. Zum Beispiel beim Betreten von nicht durchtrittsicheren Lichtbändern oder -platten. Die verfügbaren Unfallzahlen belegen jedoch nicht die These, dass der Solarboom wirklich mehr Menschenleben kostet. So wurden der BG Bau für die ersten zehn Monate im Jahr 2025 beispielsweise 6.178 Absturzunfälle gemeldet, davon endeten 26 tödlich. Die Ursachen waren meistens Durchstürze durch nicht durchtrittsichere Dachflächen. 

Lediglich drei (!) Unfälle standen im Zusammenhang mit Photovoltaikanlagen. Werden diese unter Zeitdruck und ohne passende Sicherung montiert oder gewartet, steigt die Absturzgefahr. Das lässt sich aber verhindern, wenn der Arbeitsschutz konsequent beachtet wird. „Um Unfälle und das Absturzrisiko zu vermeiden, ist es wichtig, dass alle Tätigkeiten auf dem Dach fachgerecht ausgeführt, gut geplant und abgesichert sind. Entscheidend ist, dass dabei Dachform, Zugang und Arbeitspositionen berücksichtigt werden“, sagt Thomas Jacob, BGHW-Referatsleiter Leitern, Tritte, ortsfeste Arbeitsbühnen.

Was bei PV-Arbeiten schieflaufen kann

Grundsätzlich sieht die Installation einer Photovoltaikanlage auf dem Papier überschaubar und sehr standardisiert aus: Dachziegel aufnehmen, Dachhaken setzen, Unterkonstruktion und Schienen befestigen, Module auflegen, Steckverbindungen herstellen. Das kann alles sehr schnell gehen. Doch ist die Baustelle eigentlich abgesichert? Bevor der erste Arbeitsschritt überhaupt ausgeführt wird, müssen Gerüst, Zugang, Materialtransport und Rettungsweg eingerichtet und koordiniert sein. Und genau hier lauern die Gefahren. Ist ein Team schneller fertig, kann es mehr Aufträge abarbeiten und verdient somit mehr Geld. Eine sichere Baustelleneinrichtung erscheint dann als unnötig, weil es Zeit und Geld kostet, das sich einsparen lässt.

Der unsichere Weg aufs Dach

Der häufigste Fehler wird allerdings nicht auf dem Dach, sondern auf dem Weg dorthin gemacht. Eine an die Dachrinne angelegte Leiter ist für PV-Dachmontagen nicht geeignet. Wer sie trotzdem nutzt, schränkt seine Bewegungsfreiheit ein und hat keinen sicheren Übergang zum Dach. Denn der Moment, in dem der Monteur oder Elektriker von Leiter – und auch Gerüst oder Zugangsturm – auf die Dachfläche wechselt, ist kritisch, besonders wenn er noch ein Solarpanel in Händen hält. Dieser Abstand ist meistens nicht geschützt. „Die Sicherung muss aber von Anfang an funktionieren. Beschäftigte sollten keinen Meter auf dem Dach ohne geeignete Schutzmaßnahme zurücklegen müssen“, sagt der BGHW-Experte Thomas Jacob. Sichere Alternativen seien Fahrgerüste (Rollgerüste), Hubarbeitsbühnen, Fassadengerüste oder ein temporärer Treppenturm.

Porträt von Thomas Jacob, Referatsleiter der Themenfelder Leiter, Tritte, ortsfeste Arbeitsbühnen bei der BGHW.

Die Sicherung muss von Anfang an funktionieren. Beschäftigte sollten keinen Meter auf dem Dach ohne geeignete Schutzmaßnahme zurücklegen müssen.

Thomas JacobBGHW-Referatsleiter Leitern, Tritte, ortsfeste Arbeitsbühnen

Material in der Hand und kein Halt

Warum ist die Leiter an der Dachrinne ungeeignet? Dazu Thomas Jacob: „Photovoltaikpanels sind groß, schwer und windanfällig. Wer ein solches einseitig trägt, hat nur noch eine Hand zum Festhalten frei. Das ist auf einer Leiter extrem unsicher und gefährlich.“ Denn die Folge ist: Beim Umgreifen können Sicht und Gleichgewicht verloren gehen. Aufgrund des hohen Gewichts und der großen Windangriffsfläche ist der Transport von Solarpanels über eine Leiter daher verboten, er stellt ein massives Risiko für die Sicherheit dar. Auch sperrige Lasten wie Schienen oder längere Bauteile dürfen nicht über eine Leiter transportiert werden, weil sie bei Wind schnell zur zusätzlichen Gefahr werden können. Der Materialtransport gehört deshalb in die Planung. Je nach Baustelle kommen Materialaufzüge, Krane oder Seilrollenaufzüge infrage. Bei kleinen Baustellen kann Material von Gerüstebene zu Gerüstebene angereicht werden; bei mehreren Gerüstlagen ist ein Bauaufzug meist sinnvoller.

Gefährliche Dachflächen

Ebenfalls zu beachten sind die Neigung und Form des Dachs. Ein- oder Mehrfamilienhäuser haben oft geneigte Dächer. Dabei droht ein Absturz über Traufe und Ortgang. Auf Flachdächern ist dagegen die Dachkante gefährlich. Hinzu kommt die Gefahr des Durchsturzes: Wellplatten, Lichtkuppeln, -platten, -bänder oder Faserzement-Wellplatten sind nicht automatisch begehbar. Wer sie übersieht und betritt, riskiert einen Sturz aus geringer Höhe mit schwersten Folgen.

Bevor der erste Dachziegel bewegt wird

Die wichtigste Schutzmaßnahme ist eine gute Vorbereitung. Dazu gehören eine Gefährdungsbeurteilung und eine Montageanweisung, die zum jeweiligen Dach passen muss. Darin müssen Zugang, Dachkanten, Übergänge, Materialtransport, Zuständigkeiten, Rettungskette und die Verständigung im Team berücksichtigt werden. Eine aufsichtführende Person muss feststehen; alle Beschäftigten – auch die Mitarbeitenden des Subunternehmens – müssen unterwiesen sein.

Die beste technische Schutzmaßnahme sind Gerüste. Die Schutzvorrichtungen müssen zudem den Arbeitsbereich an Traufe und Ortgang jeweils um mindestens einen Meter überragen sowie gegebenenfalls vorhandene Lichthöfe sichern, um ein lückenloses Auffangen an allen gefährdeten Dachrändern zu gewährleisten. Werden Solarpanels so nah am Dachfirst montiert, dass ein Absturz über die Firstkante hinweg möglich ist, muss auch dieser Bereich zwingend gegen Absturz gesichert werden. Reichen Geländer, Seitenschutz oder Dachfanggerüste nicht aus, ist eine Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz (PSAgA) erforderlich. Dafür braucht es passende Auffanggurte, geeignete Verbindungsmittel und Anschlageinrichtungen, die in den Arbeitsablauf eingeplant sind. Zu beachten ist, dass Anschlagpunkte in der Regel nicht dort vorhanden sind, wo man sie für den Übergang vom Gerüst auf das Dach benötigt, und deshalb dort oft zusätzlich angebracht werden müssen.

Professionelle Sicherheit für den Boom

„Die Größe einer Anlage allein sagt wenig über die Sicherheit und über das Absturzrisiko aus“, sagt Thomas Jacob und betont, „entscheidend ist, ob der Weg aufs Dach, der Übergang, die Dachfläche, der Materialtransport und die Rettung von Anfang an mitgeplant sind.“ Die möglichen Risiken bei Arbeiten auf dem Dach bremsen also den Solarboom nicht aus, müssen allerdings professionell abgesichert werden. Und: Jeder fehlende Aufbau eines Gerüsts spart vielleicht Minuten ein – darf aber niemals auf Kosten von Menschenleben gehen.

Das muss vor der Installation einer PV-Anlage geklärt sein

  • Ist der Zugang zum Dach sicher?
  • Sind Traufe, Ortgang und Dachfirst geschützt?
  • Gibt es nicht durchtrittsichere Flächen oder Öffnungen? 
  • Wie kommen Panels und Schienen nach oben?
  • Sind alle Beschäftigten verständlich unterwiesen? 
  • Ist die Rettung nach einem möglichen Unfall oder Absturz organisiert und geübt?

Vier Fragen zum Absturzrisiko bei Photovoltaikanlagen

… an Ulrich Marx, Hauptgeschäftsführer Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks
 

Foto von Ulrich Marx, Hauptgeschäftsführer Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks
Ulrich Marx, Hauptgeschäftsführer Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks

Herr Marx, welche Entwicklung beobachten Sie bei Arbeitsunfällen auf Dächern seit dem starken Wachstum der Photovoltaikbranche?

Uwe Marx: Mit dem starken Ausbau der Photovoltaik hat die Zahl der Arbeiten auf Dächern natürlich zugenommen. Damit steigt grundsätzlich auch die Zahl der Beschäftigten, die Absturz- und Durchsturzgefahren ausgesetzt sind. Von einem doch sehr reißerisch formulierten „Absturzboom durch PV“ kann jedoch nicht gesprochen werden. Schauen wir uns mal die Datenbasis an: Die Unfallstatistik weist PV-Abstürze nicht als eigenständige, über mehrere Jahre vergleichbare Unfallkategorie aus. Die allgemeinen Absturzunfälle in der Bauwirtschaft sind vielmehr weiterhin das übergeordnete Problem, diese sinken aber: 2024 verzeichnete die BG BAU 91.813 meldepflichtige Arbeitsunfälle, das sind 4,5 Prozent weniger als im Vorjahr. Insgesamt kamen 78 Menschen durch einen Arbeitsunfall ums Leben, die Hauptursachen dafür waren Abstürze, aber auch herabfallende oder kippende Bauteile sowie Unfälle mit Baumaschinen. 2025 ging die Zahl der Arbeitsunfälle nochmals auf 89.113 zurück, und auch die Zahl der Todesfälle sank auf 74. Damit wurde erstmals die Marke von 90.000 Fällen unterschritten. Und zur Wahrheit gehört auch, dass mit dem PV-Boom auch Player auf dem Markt sind, die handwerksrechtlich nicht die Befähigung haben, PV-Anlagen auf Dächern zu montieren. Hier stellen wir oft auch grobe Verstöße bei Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit fest.

Wie häufig kommt es im Zusammenhang mit der Montage oder Demontage von Photovoltaikanlagen zu Dachabstürzen? 

Eine belastbare Statistik darüber, wie häufig es bei der Montage oder Demontage von Photovoltaikanlagen zu Dachabstürzen kommt, lässt sich aus der verfügbaren Unfallstatistik nicht ableiten. Die Berufsgenossenschaften erfassen zwar systematisch den Unfallort und den Unfallhergang, nicht jedoch die konkrete Tätigkeit, die zum Zeitpunkt des Unfalls ausgeführt wurde. Das heißt: Wir wissen beispielsweise, dass eine Person vom Dach gestürzt ist, nicht aber, was sie dort gerade gemacht hat. Bei tödlichen Arbeitsunfällen ist eine genauere Zuordnung möglich, da diese Fälle detailliert untersucht werden.

Welche typischen Ursachen haben diese Abstürze?

Leider eine traurige Wahrheit: Die Ursachen sind häufig vermeidbar. Bei schweren und tödlichen Absturzunfällen sind es vor allem fehlende oder unzureichende Schutzmaßnahmen, fehlerhafte oder ungeeignete Schutzausrüstung, schlechte Planung und Zeitdruck. Bei PV-Arbeiten kommen weitere Gefahren hinzu: ungesicherte Dachkanten, nicht durchtrittsichere Dachflächen, Lichtkuppeln und Lichtbänder sowie unsichere Zugänge zum Dach. Auch organisatorische Defizite spielen eine Rolle – etwa, wenn die erforderlichen Sicherungsmaßnahmen nicht bereits vor Arbeitsbeginn festgelegt, eingerichtet und kontrolliert wurden. 

Welche Maßnahmen wären aus Ihrer Sicht notwendig, damit der Photovoltaikausbau nicht auf Kosten der Sicherheit und Menschenleben geht? 

Vorab: Es existiert ja bereits ein sehr komplexes Arbeitsschutz- und Arbeitssicherheitssystem. Der weitere PV-Ausbau und ein hoher Arbeitsschutz sind kein Widerspruch. Entscheidend ist, Sicherheit von Anfang an als Bestandteil der Projektplanung und nicht als nachträglichen Kosten- oder Zeitfaktor zu behandeln. Aus unserer Sicht gehören dazu insbesondere verbindliche Sicherheitsanforderungen bereits in Ausschreibung und Vergabe, eine belastbare Gefährdungsbeurteilung vor Arbeitsbeginn, sichere Zugänge und kollektive Absturzschutzmaßnahmen als Regellösung, eine klare Koordination der beteiligten Gewerke und Nachunternehmen sowie eine konsequente Unterweisung und Kontrolle der Beschäftigten.

Besonders wichtig ist außerdem, die spätere Wartung schon bei der Errichtung mitzudenken. Dauerhaft sichere Dachzugänge und geeignete Absturzschutzsysteme verhindern, dass Betreiber und Serviceunternehmen Jahre später vor dem Problem stehen, für jede Wartung zunächst provisorische Sicherungen schaffen zu müssen. Unsere aktuelle Initiative „Sicher auf dem Dach“ setzt ja auch genau an diesem Punkt an. 

Die zentrale Botschaft sollte deshalb lauten: Wo auf Dächern gearbeitet wird, müssen sichere Zugänge, sichere Arbeitsplätze und wirksame Absturz- und Durchsturzsicherungen von Anfang an eingeplant und umgesetzt werden. 

 

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