Ein Beschäftigter in Warnkleidung steht allein auf einem Hafengelände vor Kränen und einem Frachtschiff und blickt in die Ferne.
Datum der Veröffentlichung: Lesezeit: 3 Minuten

Wenn Arbeit einsam macht

Schichtsysteme, Digitalisierung und steigender Zeitdruck prägen den Arbeitsalltag vieler Beschäftigter – oft mit einer Folge, über die kaum jemand spricht: Einsamkeit im Job. Die Psychologin Dr. Ina Schöllgen von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) hat das Phänomen untersucht. Woran Einsamkeit zu erkennen ist und was Unternehmen, Führungskräfte und Betroffene konkret dagegen tun können.

Das Wichtigste im Überblick

  • Bei einer Umfrage der BAuA gab mehr als ein Viertel der Befragten an, dass ihnen die Gesellschaft von Kolleginnen und Kollegen zumindest gelegentlich fehlt.
  • Kontakte zu Kundinnen, Kunden oder anderen externen Personen können fehlende Beziehungen im Kollegenkreis nicht vollständig ersetzen.
  • Mangelnde soziale Einbindung zeigt sich oft daran, dass Beschäftigte sich selten an Gesprächen, Pausen oder Teamaktivitäten beteiligen.
  • Unternehmen können Einsamkeit entgegenwirken, indem sie bewusst Zeit und Räume für sozialen Austausch schaffen.
  • Ein offener Umgang mit dem Thema hilft dabei, Einsamkeit zu enttabuisieren und betroffene Beschäftigte besser zu unterstützen.
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Wo Einsamkeit im Job entstehen kann

Ein Gabelstapler bewegt sich durch eine große, schwach beleuchtete Lagerhalle und symbolisiert Einsamkeit und Isolation am Arbeitsplatz.

Szenario 1: Es ist früh morgens, als ein Mitarbeiter im Lager die Neonlichter anschaltet. Die Halle ist still, nur das Summen der Förderbänder durchbricht die Ruhe. Die Nachtschicht ist gerade gegangen, die Frühschicht noch nicht vollständig da. Viele Menschen arbeiten zu Zeiten, in denen sie ihre Kolleginnen und Kollegen kaum sehen.

Szenario 2: Im Logistikzentrum sitzt tagsüber eine Mitarbeiterin vor drei Bildschirmen. Im Großraumbüro ist es leise, Gespräche finden kaum statt. Der Austausch mit dem Team erfolgt über kurze Chatnachrichten. Am Ende eines Arbeitstages haben die meisten Mitarbeitenden kaum ein Wort miteinander gesprochen.

Szenario 3: Der neue Kollege ist erst seit ein paar Tagen im Job. Die Logistikhalle ist riesig, die Abläufe sind eingespielt. Alle Mitarbeitenden wirken sehr beschäftigt, wenn nicht sogar gestresst. Der Neue hat viele Fragen, aber traut sich kaum sie anzusprechen – aus Sorge, den Betrieb aufzuhalten. In der Pause sitzt er allein in der Kantine, findet keinen Zugang zu den anderen. 

Drei Situationen, die das gleiche Gefühl vermitteln: Einsamkeit bei der Arbeit.

Einsamkeitsgefühle: rein subjektiv und immer negativ

Einsamkeit entsteht, wenn ein Mensch seine sozialen Beziehungen als unzureichend oder unbefriedigend empfindet. Während Alleinsein ein objektiver Zustand ist – jemand ist gerade für sich –, ist Einsamkeit ein rein subjektives Gefühl. „Und es ist immer ein negatives Gefühl, unter dem die betroffene Person leidet“, sagt Psychologin Dr. Ina Schöllgen von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Das Gefühl von Einsamkeit beeinflusse auch das eigene Verhalten: „Wer sich seit Längerem einsam fühlt, zieht sich mehr und mehr zurück, weil er oder sie denkt: ‚Die mögen mich nicht‘. Dadurch wird die betroffene Person noch einsamer und zieht sich immer weiter zurück.“

Porträt einer lächelnden Frau mit langen hellbraunen Haaren in einem dunklen Blazer und roter Bluse vor einem unscharfen Innenraumhintergrund.

Einsamkeit im betrieblichen Kontext sollte nicht unterschätzt werden.

Dr. Ina SchöllgenPsychologin bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

Spezifische Befragung für den Arbeitskontext

Die BAuA hat das Thema Einsamkeit zum ersten Mal in Deutschland spezifisch für den Arbeitskontext untersucht. Die Befragung im Zeitraum 2023/24 lief im Rahmen ihrer Langzeitstudie zur mentalen Gesundheit. Die Ergebnisse wurden bisher noch nicht veröffentlicht, doch es gibt erste Erkenntnisse. „Bei der Frage, ob ihnen die Gesellschaft von Kolleginnen und Kollegen fehlt, sagte mehr als ein Viertel der Befragten, dass ihnen die Arbeitskollegen manchmal oder häufiger fehlen“, berichtet die Psychologin. Deutlich geworden sei auch, dass Kontakte zu Dritten, zum Beispiel zu Kunden oder Kundinnen, nicht den gleichen hohen Stellenwert haben wie die Kontakte im Kollegenkreis.

Integration von Anfang an

„Befristet Beschäftigte bejahen die Frage nach Einsamkeit in einem höheren Maße als unbefristete Arbeitnehmende. Das kann daran liegen, dass Erstere oft relativ neu im Unternehmen sind und noch nicht richtig angekommen sind“, weist Dr. Ina Schöllgen auf einen weiteren Befund aus der BAuA-Befragung hin. „Das zeigt auf jeden Fall, dass Unternehmen befristet Beschäftigte von Anfang an integrieren müssen, auch wenn sie nur für ein oder zwei Jahre dabei sind.“ Das Gleiche gilt für neue Mitarbeitende. Geringere Werte von Einsamkeit wiesen hingegen Beschäftigte mit Führungsposition auf. Ein Ergebnis, das die Psychologin überrascht hat, da andere – auch internationale – Studien gegenteilige Ergebnisse aufweisen. Demnach fühlten sich vor allem Frauen in Führungspositionen häufig einsam.

Immer noch ein Tabuthema?

Bei der direkten Frage, ob sich Arbeitnehmende einsam fühlen, war es hingegen nur jeder zehnte Befragte, der oder die das bejaht hat, berichtet Dr. Schöllgen. Betroffene sind häufig immer noch stigmatisiert und schämen sich für ihre Gefühle. Kaum jemand spricht über das Thema. Wer von Einsamkeit bei der Arbeit betroffen ist, bleibt lange Zeit unauffällig. Der Psychologin zufolge kommt gerade den Führungskräften eine wichtige Rolle dabei zu, die Beziehungen unter den Mitarbeitenden zu beobachten. „Viele Führungskräfte sind der Meinung, Beziehungsqualität hänge allein davon ab, ob die Mitarbeitenden miteinander klarkommen, und da könne man doch gar nicht viel machen. Aber sie sollten Beziehungsqualität als gestaltbare Komponente auf dem Schirm haben“, so Dr. Schöllgen. „Denn natürlich können Unternehmen ein Klima schaffen, das zum Beispiel Kooperation stärker hervorhebt als Rivalität. Oder die Arbeitsmenge so kalkulieren, dass auch Zeit für den sozialen Austausch bleibt.“

Diese Faktoren können dazu beitragen, dass sich Menschen bei der Arbeit einsam fühlen:

  • wenig Feedback
  • keine soziale Einbindung (gemeinsame Pausen, feste Teamzeiten, gemeinsame Events)
  • starke Hierarchien
  • mangelnde Transparenz in der Kommunikation
  • häufige Schichtwechsel oder Alleinarbeit
  • fehlende Einarbeitung
  • hohe Fluktuation
  • stark leistungs- oder zahlengetriebene Arbeitsorganisation
  • fehlende Anerkennung

Mögliche Hinweise auf Einsamkeit bei der Arbeit (Quelle: DGUV)

  • Haben einzelne Mitarbeitende auffällig wenig Kontakt zu ihren Kolleginnen und Kollegen?
  • Gibt es Mitarbeitende, die nie in Erscheinung treten und sich stets zurücknehmen?
  • Essen manche Mitarbeitende immer allein zu Mittag?
  • Welche Mitarbeitenden beteiligen sich nie an Teamaktivitäten/Besprechungen?

Gesundheitliche Auswirkungen

Einsamkeit am Arbeitsplatz kann sich auch auf die Gesundheit auswirken. Wenn dieses Gefühl über längere Zeit anhält, kann es Betroffene sowohl psychisch als auch körperlich beeinträchtigen. Besteht Einsamkeit über einen längeren Zeitraum, wird sie laut DGUV neben psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Demenz oder Angststörungen auch mit körperlichen Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfällen in Verbindung gebracht. Für allgemeine Einsamkeit sind diese Zusammenhänge zur Gesundheit bereits gut untersucht. Hingegen fehlen für Einsamkeit am Arbeitsplatz Studien, die Aussagen zu Ursache und Wirkung erlauben. Psychische und körperliche Erkrankungen können auch zu Einsamkeit führen. Dr. Schöllgen von der BAuA zitiert aber eine repräsentative Studie aus Spanien, die arbeitsbezogene Einsamkeit untersucht und herausgefunden hat, dass ein klarer Zusammenhang zu mentaler Gesundheit und häufigen Fehlzeiten besteht. Deshalb sollte Einsamkeit im betrieblichen Kontext nicht unterschätzt werden sowie frühzeitig erkannt und adressiert werden. Tipp von BAuA-Expertin Dr. Schöllgen: „Unternehmen könnten beispielsweise ein Coaching für Beschäftigte zum Thema Einsamkeit anbieten oder sich beim Gesundheitstag damit beschäftigten. Dann erfahren die Mitarbeitenden: Einsamkeit ist ein ganz normales Thema, über das wir bei uns im Unternehmen sprechen. Das ist ein wichtiges Signal an die Beschäftigten.“

Was Führungskräfte tun können, um Einsamkeit bei der Arbeit zu vermeiden:

  • Regelmäßige Gesprächstermine vereinbaren
  • Teamgefühl stärken, z. B. durch gemeinsame Rituale
  • Räume für informellen Austausch schaffen, analog & digital
  • Neuen Mitarbeitenden feste Ansprechpersonen zuordnen
  • Anzeichen von Vereinsamung erkennen
  • Psychische Gefährdungen in der Gefährdungsbeurteilung berücksichtigen

Was Betroffene selbst tun können, um Einsamkeit entgegenzuwirken:

  • Eigene Bedürfnisse ernst nehmen
  • Grenzen setzen zwischen Arbeit und Privatleben, um Energie für soziale Kontakte zu haben
  • Aktiv Kontakt suchen, z. B. Lunch Dates, Austauschgruppen etc.
  • Angebote wie Mentoring- oder Buddy-Systeme, BGM, Beratung/Coaching, Betriebsarzt oder Betriebsärztin nutzen

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