
Arbeiten in der Höhe: Routine ist der Feind
Kein Einsatz in der Höhe ist identisch. Um Abstürze und Durchstürze zu verhindern, braucht es gute Vorplanung und regelmäßige Sensibilisierung der Mitarbeitenden.

Schichtsysteme, Digitalisierung und steigender Zeitdruck prägen den Arbeitsalltag vieler Beschäftigter – oft mit einer Folge, über die kaum jemand spricht: Einsamkeit im Job. Die Psychologin Dr. Ina Schöllgen von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) hat das Phänomen untersucht. Woran Einsamkeit zu erkennen ist und was Unternehmen, Führungskräfte und Betroffene konkret dagegen tun können.
Szenario 1: Es ist früh morgens, als ein Mitarbeiter im Lager die Neonlichter anschaltet. Die Halle ist still, nur das Summen der Förderbänder durchbricht die Ruhe. Die Nachtschicht ist gerade gegangen, die Frühschicht noch nicht vollständig da. Viele Menschen arbeiten zu Zeiten, in denen sie ihre Kolleginnen und Kollegen kaum sehen.
Szenario 2: Im Logistikzentrum sitzt tagsüber eine Mitarbeiterin vor drei Bildschirmen. Im Großraumbüro ist es leise, Gespräche finden kaum statt. Der Austausch mit dem Team erfolgt über kurze Chatnachrichten. Am Ende eines Arbeitstages haben die meisten Mitarbeitenden kaum ein Wort miteinander gesprochen.
Szenario 3: Der neue Kollege ist erst seit ein paar Tagen im Job. Die Logistikhalle ist riesig, die Abläufe sind eingespielt. Alle Mitarbeitenden wirken sehr beschäftigt, wenn nicht sogar gestresst. Der Neue hat viele Fragen, aber traut sich kaum sie anzusprechen – aus Sorge, den Betrieb aufzuhalten. In der Pause sitzt er allein in der Kantine, findet keinen Zugang zu den anderen.
Drei Situationen, die das gleiche Gefühl vermitteln: Einsamkeit bei der Arbeit.
Einsamkeit entsteht, wenn ein Mensch seine sozialen Beziehungen als unzureichend oder unbefriedigend empfindet. Während Alleinsein ein objektiver Zustand ist – jemand ist gerade für sich –, ist Einsamkeit ein rein subjektives Gefühl. „Und es ist immer ein negatives Gefühl, unter dem die betroffene Person leidet“, sagt Psychologin Dr. Ina Schöllgen von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Das Gefühl von Einsamkeit beeinflusse auch das eigene Verhalten: „Wer sich seit Längerem einsam fühlt, zieht sich mehr und mehr zurück, weil er oder sie denkt: ‚Die mögen mich nicht‘. Dadurch wird die betroffene Person noch einsamer und zieht sich immer weiter zurück.“
Die BAuA hat das Thema Einsamkeit zum ersten Mal in Deutschland spezifisch für den Arbeitskontext untersucht. Die Befragung im Zeitraum 2023/24 lief im Rahmen ihrer Langzeitstudie zur mentalen Gesundheit. Die Ergebnisse wurden bisher noch nicht veröffentlicht, doch es gibt erste Erkenntnisse. „Bei der Frage, ob ihnen die Gesellschaft von Kolleginnen und Kollegen fehlt, sagte mehr als ein Viertel der Befragten, dass ihnen die Arbeitskollegen manchmal oder häufiger fehlen“, berichtet die Psychologin. Deutlich geworden sei auch, dass Kontakte zu Dritten, zum Beispiel zu Kunden oder Kundinnen, nicht den gleichen hohen Stellenwert haben wie die Kontakte im Kollegenkreis.
„Befristet Beschäftigte bejahen die Frage nach Einsamkeit in einem höheren Maße als unbefristete Arbeitnehmende. Das kann daran liegen, dass Erstere oft relativ neu im Unternehmen sind und noch nicht richtig angekommen sind“, weist Dr. Ina Schöllgen auf einen weiteren Befund aus der BAuA-Befragung hin. „Das zeigt auf jeden Fall, dass Unternehmen befristet Beschäftigte von Anfang an integrieren müssen, auch wenn sie nur für ein oder zwei Jahre dabei sind.“ Das Gleiche gilt für neue Mitarbeitende. Geringere Werte von Einsamkeit wiesen hingegen Beschäftigte mit Führungsposition auf. Ein Ergebnis, das die Psychologin überrascht hat, da andere – auch internationale – Studien gegenteilige Ergebnisse aufweisen. Demnach fühlten sich vor allem Frauen in Führungspositionen häufig einsam.
Bei der direkten Frage, ob sich Arbeitnehmende einsam fühlen, war es hingegen nur jeder zehnte Befragte, der oder die das bejaht hat, berichtet Dr. Schöllgen. Betroffene sind häufig immer noch stigmatisiert und schämen sich für ihre Gefühle. Kaum jemand spricht über das Thema. Wer von Einsamkeit bei der Arbeit betroffen ist, bleibt lange Zeit unauffällig. Der Psychologin zufolge kommt gerade den Führungskräften eine wichtige Rolle dabei zu, die Beziehungen unter den Mitarbeitenden zu beobachten. „Viele Führungskräfte sind der Meinung, Beziehungsqualität hänge allein davon ab, ob die Mitarbeitenden miteinander klarkommen, und da könne man doch gar nicht viel machen. Aber sie sollten Beziehungsqualität als gestaltbare Komponente auf dem Schirm haben“, so Dr. Schöllgen. „Denn natürlich können Unternehmen ein Klima schaffen, das zum Beispiel Kooperation stärker hervorhebt als Rivalität. Oder die Arbeitsmenge so kalkulieren, dass auch Zeit für den sozialen Austausch bleibt.“
Einsamkeit am Arbeitsplatz kann sich auch auf die Gesundheit auswirken. Wenn dieses Gefühl über längere Zeit anhält, kann es Betroffene sowohl psychisch als auch körperlich beeinträchtigen. Besteht Einsamkeit über einen längeren Zeitraum, wird sie laut DGUV neben psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Demenz oder Angststörungen auch mit körperlichen Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfällen in Verbindung gebracht. Für allgemeine Einsamkeit sind diese Zusammenhänge zur Gesundheit bereits gut untersucht. Hingegen fehlen für Einsamkeit am Arbeitsplatz Studien, die Aussagen zu Ursache und Wirkung erlauben. Psychische und körperliche Erkrankungen können auch zu Einsamkeit führen. Dr. Schöllgen von der BAuA zitiert aber eine repräsentative Studie aus Spanien, die arbeitsbezogene Einsamkeit untersucht und herausgefunden hat, dass ein klarer Zusammenhang zu mentaler Gesundheit und häufigen Fehlzeiten besteht. Deshalb sollte Einsamkeit im betrieblichen Kontext nicht unterschätzt werden sowie frühzeitig erkannt und adressiert werden. Tipp von BAuA-Expertin Dr. Schöllgen: „Unternehmen könnten beispielsweise ein Coaching für Beschäftigte zum Thema Einsamkeit anbieten oder sich beim Gesundheitstag damit beschäftigten. Dann erfahren die Mitarbeitenden: Einsamkeit ist ein ganz normales Thema, über das wir bei uns im Unternehmen sprechen. Das ist ein wichtiges Signal an die Beschäftigten.“

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