
Keine Angst vor dem Algorithmus
Wie können Führungskräfte nach dem Einzug von KI in den Arbeitsalltag die Arbeit so gestalten, dass aus Angst Vertrauen wird?

Fachkräfte für Arbeitssicherheit (Sifa) sind erfolgreich, wenn nichts passiert. Gerade deshalb ist es gar nicht so einfach, für das Anliegen Arbeitsschutz im Unternehmen Gehör zu finden. Ansätze aus dem Coaching können dabei helfen, Beschäftigte zu mehr Sicherheit und Gesundheit zu motivieren, erklärt Arbeitspsychologe Prof. Dr. Jochen Overbeck-Gurt.
Eine Fachkraft für Arbeitssicherheit (Sifa) im Unternehmen ist wie der Schiedsrichter beim Fußball. Der Schiedsrichter hat seinen Job dann gut gemacht, wenn er fast nicht wahrgenommen wird. Er steht nicht im Mittelpunkt, sondern sorgt dafür, dass alle die Regeln einhalten und fair miteinander umgehen. Erst wenn der Schiri eingreift, fällt er auf. Ganz ähnlich geht es den Sifa: Sie sind erfolgreich, wenn man nichts von ihnen mitbekommt, weil bei der Arbeit keine Unfälle passieren. Arbeitssicherheit? Beschäftigte winken ab: „Brauchen wir nicht, läuft doch alles.” „Das ist eine schlechte Ausgangsposition, um Mitarbeitende, aber auch Unternehmer und Unternehmerinnen, zu mehr Sicherheit und Gesundheit zu motivieren”, sagt Prof. Dr. Jochen Overbeck-Gurt, Arbeitspsychologe an der FH Südwestfalen. Hier können Ansätze aus dem Coaching hilfreich sein, um Gespräche anders zu führen.
Die Sifa als Berater oder als Coach? Overbeck-Gurt erklärt den Unterschied: „In der Beratung tritt der oder die Beratende in der Expertenrolle auf, erteilt Ratschläge, gibt Tipps. Beim Coaching ist die Grundannahme eine andere: Der oder die Coachee (die gecoachte Person) ist bereits Experte oder Expertin.” Das passt gut zum Arbeitsschutz: Die Beschäftigten in der Arbeitssituation vor Ort sind ebenfalls Expertinnen oder Experten, weil sie tagtäglich dort arbeiten und meistens genau wissen, wo in ihrem Bereich die Herausforderungen liegen. Oft ist ihnen das aber gar nicht bewusst. „Dieses Bewusstsein kann man fördern. Coaching hat viel damit zu tun, dass ich als Coach den Fokus auf den Prozess lege und dem Gespräch eine gewisse Struktur gebe, um die Selbstreflexion bei meinem Gegenüber zu fördern”, erklärt Overbeck-Gurt. Wenn sich der oder die Coachee auf diese Weise die Lösung selbst erarbeitet, entfaltet das im Arbeitsschutz viel Potenzial. Denn das Engagement für die eigene Lösung fällt immer höher aus, als wenn sie von außen kommt. Und die Chance, dass jemand sich an die eigene Lösung auch wirklich hält, ist ebenfalls sehr viel größer.
Prof. Dr. Jochen Overbeck-Gurt lehrt Arbeits- und Organisationspsychologie an der FH Südwestfalen. Schon seit dem Studium beschäftigt sich der Wissenschaftler mit Arbeitsschutz und Gesundheitsmanagement. Aktuell arbeitet er als Mitglied des wissenschaftlichen und sozialpolitischen Beirats der Evaluationsgruppe der GDA mit daran, die Ausgestaltung des Arbeitsschutzes in den Betrieben zu vereinheitlichen. Zum Thema „Widerstände überwinden, Menschen zu mehr Sicherheit und Gesundheit motivieren – neue Ansätze aus dem Coaching für den Arbeitsschutz“ hielt er bei der L-Sifa-Tagung 2025 einen Vortrag.
Ein weiterer Ansatz aus dem Coaching, den Verantwortliche im Arbeitsschutz nutzen können, ist das sogenannte Reframing. „Hierbei geht es um die Bedeutung von Sprache“, sagt Overbeck-Gurt. „Denn unsere Wahrnehmung wird stark durch sprachliche Etiketten geprägt. Gedächtnisinhalte sind über viele Verbindungen mit anderen verwandten Gedächtnisinhalten verknüpft, die mitaktiviert werden. So wird mit dem jeweiligen Begriff immer auch ein bestimmtes Gefühl verbunden.” Statt nach einem Arbeitsunfall zu fragen „Wer hat Mist gebaut?“, könnte sich die Sifa erkundigen: „Welche Ursachen und Bedingungen haben dazu geführt?“ Die erste Frage erzeugt Angst, Rechtfertigung oder Vertuschung, die zweite Offenheit und Lernwillen. Nur weil die Sifa eine andere Formulierung benutzt hat, wird der Sachverhalt völlig anders wahrgenommen.
Was macht uns eigentlich als Menschen aus? Unsere Fähigkeit, Geschichten zu erfinden und sie weiterzugeben. Schon immer haben Menschen ihr Wissen über Geschichten vermittelt. „Wir lernen natürlich auch aus unseren Erfahrungen, aber vor allem lernen wir aus Geschichten, weil sie Emotionen auslösen. Und Emotionen heben bestimmte Aspekte aus dem Alltag heraus. Dadurch können wir uns besser an sie erinnern. Alles, was emotional gefärbt ist, bleibt im Gedächtnis und wird handlungswirksam“, so der Arbeitspsychologe. Narrative sorgen also dafür, dass wir uns an Themen besser erinnern, und führen zu mehr Handlungsbereitschaft. Ganz im Gegensatz dazu lassen uns reine Statistiken eher kalt und lösen keine Emotionen aus – auch wenn sie zahlenmäßig dramatisch sind. Overbeck-Gurt nennt ein Beispiel: „Wenn bei einer Mitarbeiterbefragung herauskommt, dass nur 20 Prozent einen Zusammenhang zwischen ihrer eigenen Arbeit und den Zielen der Organisation sehen, wird das kaum etwas auslösen. Wenn ich das auf den Fußball übertrage, würden nur zwei von elf Spielern wissen, welche Position sie spielen und was sie zu tun haben. Durch dieses Bild wird das Ergebnis emotional anschlussfähig.“ Sobald also ein konkretes Beispiel in der eigenen Erfahrungswelt nachvollziehbar wird, erzeugt es Resonanz, wird erinnert und führt zu Veränderungen in der Handlungsbereitschaft. Und je näher das Beispiel an der Erfahrungswelt ist, je ähnlicher die Menschen sind – umso größer die Wirkung.
Aber was ist, wenn Anweisungen der Sifa bei den Beschäftigten negative Emotionen auslösen? Auch für diese Situation hat Professor Overbeck-Gurt einen Vorschlag aus dem Coaching: „Hier sollte die Sifa in eine wertschätzende und neugierige Haltung gehen und statt mit einem Gegenangriff zu reagieren, erst mal nachfragen: Worum geht es dir eigentlich? Was ist jetzt genau das Problem? Welches Bedürfnis steckt hinter dieser negativen Reaktion? Das Nachfragen kann dazu führen, dass beide wieder auf eine gemeinsame Basis kommen und feststellen, dass die Grundbedürfnisse gar nicht so weit auseinander liegen. Dann habe ich die Chance, eine andere Möglichkeit zu finden, die Bedürfnisse der anderen Person zu befriedigen und sie für meine Sache zu gewinnen.“ Er empfiehlt, wie ein Detektiv an die Sache heranzugehen, um herauszufinden, was eigentlich hinter den negativen Emotionen steckt. Das geht natürlich nicht immer, zum Beispiel wenn Handlungen schnell korrigiert werden müssen. Als Grundhaltung kann diese Neugier aber sehr nützlich sein.
Coaching unterstützt Menschen dabei, eigene Lösungen zu entwickeln, Ziele zu klären und Veränderungen umzusetzen. Ein Coach begleitet den Prozess durch Fragen, Reflexion und Struktur, damit die Person selbst Antworten findet.
Ein Coachee ist die Person, die im Coaching begleitet wird.
Selbstwirksamkeitserwartung ist die Überzeugung, durch das eigene Handeln etwas bewirken zu können und Herausforderungen aus eigener Kraft zu meistern.
Im Arbeitskontext scheitern Veränderungen oft aus demselben Grund wie viele Neujahrsvorsätze: Man nimmt sich einfach zu viel auf einmal vor und setzt sich Ziele, die zu groß, nicht passend oder zu schwer durchzuhalten sind. Ein Ansatz aus dem Coaching: Erst mal mit kleinen, zeitlich begrenzten Experimenten anfangen. Das steigert die Selbstwirksamkeitserwartung, weil hier kein großes, dauerhaftes Ziel festgelegt wird, sondern zunächst nur für einen kurzen Zeitraum etwas ausprobiert wird. Das senkt die Angst vor Fehlentscheidungen und macht es leichter, überhaupt mal anzufangen. „Entscheidend ist dabei, dass man für das Experiment eine klare, verbindliche Entscheidung trifft und anschließend genau beobachtet und dokumentiert, was passiert. Wie fühlen sich die Mitarbeitenden nach dem Experiment?“, erklärt Arbeitspsychologe Overbeck-Gurt. Darüber kann sich das Team dann in regelmäßigen Arbeitsrunden austauschen: Bringt das was? Machen wir weiter? Auf diese Weise entstehen schnell sichtbare Lernerfolge und viele kleine Erfolgserlebnisse, die automatisch das Gefühl stärken: „Ich kann etwas bewirken und Veränderungen herbeiführen.“
Overbeck-Gurt möchte seine Anregungen als Impulse verstanden wissen. „Schließlich ist jede Situation individuell und komplexer als ‚Ratschläge vom Psychologen‘“, sagt der Wissenschaftler. „Doch man kann diese Ideen einmal hineingeben ins System ‚Wie arbeiten wir eigentlich vor Ort zusammen?‘ und anschließend das Verhalten in diesem System beobachten. Und diese kleinen Unterschiede beim Input können manchmal zu großen Unterschieden beim Ergebnis führen.“
Probieren Sie es einfach mal aus!
Versuchen Sie, in Ihre nächste Besprechung mit einer Haltung der Neugier hineinzugehen. Was passiert, wenn Sie in den ersten zehn Minuten einfach nur Fragen stellen?
Beobachten Sie, was passiert, wenn Sie Ihre Sprache ändern. Fragen Sie zum Beispiel nicht: “Warum hast du das so gemacht?”, sondern “Was war denn deine Intention?” Auf diese Weise kommen Sie noch näher an die Bedürfnisse Ihrer Gesprächspartner und -partnerinnen heran.
Überlegen Sie, bevor Sie ein Thema ansprechen, welche Geschichte Sie dazu erzählen und welche Metaphern oder Analogien Sie nutzen können. Beobachten Sie genau, worauf Ihr Gegenüber reagiert.

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