Porträt des Neurologen Kai Wohlfarth
Datum der Veröffentlichung: Lesezeit: 3 Minuten

Gehirnerschütterung: Schnelles Handeln ist wichtig

Ein Sturz von der Leiter oder ein Unfall mit dem Fahrrad: Eine Kopfverletzung ist schneller passiert, als man denkt. Warum eine schnelle Diagnose so wichtig ist und Gehirnerschütterungen häufig unterschätzt werden, erklärt der Neurologe Prof. Dr. Kai Wohlfarth. Der Mediziner ist Chefarzt der Klinik für Neurologie und fachübergreifende Frührehabilitation am BG Klinikum Bergmannstrost Halle. 

Das Wichtigste im Überblick

  • Unsichtbare Gefahr: Gehirnerschütterungen hinterlassen oft keine sichtbaren Spuren. Dennoch können sie schwere Komplikationen wie Hirnblutungen oder langfristige Folgen wie Depressionen und Demenz nach sich ziehen.
  • Verzögerte Symptome: Typische Anzeichen wie Kopfschmerzen, Schwindel oder Übelkeit treten manchmal erst Stunden oder Tage nach dem Unfall auf. Eine engmaschige Beobachtung der Betroffenen in den ersten 24 Stunden ist daher besonders wichtig.
  • Konsequente Arbeitspause: Nach einer Kopfverletzung am Arbeitsplatz darf unter keinen Umständen einfach weitergearbeitet werden. Ersthelfende und Führungskräfte müssen sicherstellen, dass die Situation vorab immer medizinisch abgeklärt wird.
  • Forderung des Experten: Der Neurologe plädiert für eine Helmpflicht für Rad- und E-Scooter-Fahrer sowie für einen standardisierten „Neuro-Check“ bei allen Kopfverletzungen. 
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Herr Professor Wohlfarth, gehören Kopfverletzungen zu den häufigsten Verletzungen bei der Arbeit und im Sport?

Kai Wohlfarth: Ja. Sowohl bei Arbeitsunfällen als auch im Sport sehen wir häufig Gehirnerschütterungen und Schädelhirntraumata. Kopfverletzungen kommen praktisch in allen Branchen vor. Enorm gestiegen sind auch die Verkehrsunfälle mit Fahrrad- und E-Scootern. Gerade hier haben wir es mit komplexen Kopfverletzungen zu tun, die eine gründliche Diagnostik und Behandlung erfordern.

Vor allem bei den Sportarten Boxen, Handball, Basketball, Eishockey und Fußball kommen leichte Schädelhirntraumata vor. Im Sport wird auch das englische Wort „Concussion“ verwendet.

Was ist der Unterschied zwischen einer Gehirnerschütterung und einem Schädelhirntrauma?

Mit einer Gehirnerschütterung ist meist ein leichtes Schädelhirntrauma gemeint. Typische Symptome sind kurze Bewusstlosigkeit, Schwindel, Übelkeit, Kopfschmerzen oder Müdigkeit. In den meisten Fällen erholen sich Betroffene innerhalb weniger Tage oder Wochen vollständig. Allerdings werden Gehirnerschütterungen und ihre Folgen häufig unterschätzt oder gar nicht erkannt.

Bei mittelschweren und schweren Schädelhirntraumata sind die Folgen deutlich gravierender. Betroffene können über längere Zeit bewusstlos sein, neurologische Ausfälle entwickeln oder Hirnblutungen erleiden. In schweren Fällen ist eine intensivmedizinische Behandlung erforderlich. Die Folgen reichen von dauerhaften körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen bis hin zum Tod.

Warum werden Gehirnerschütterungen häufig übersehen oder nicht ernst genommen?

Anders als ein Knochenbruch oder ein Bänderriss hinterlässt eine Gehirnerschütterung oft keine sichtbaren Spuren. Beschwerden wie Kopfschmerzen, Schwindel oder Übelkeit wirken auf viele Betroffene zunächst harmlos. Deshalb werden die Symptome häufig heruntergespielt. Dabei können auch nach zunächst leicht erscheinenden Kopfverletzungen schwere Komplikationen auftreten, etwa Blutungen im Gehirn. Weiterhin können langfristige gesundheitliche Folgen wie Depressionen, die Alzheimer Demenz oder weitere chronische Erkrankungen entstehen. 

Deshalb sollte nach einer Kopfverletzung unbedingt eine ärztliche Untersuchung erfolgen, unter Einbeziehung des neurologischen Fachgebietes. Ob eine bildgebende Diagnostik erforderlich ist, entscheidet die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.

Ich wünsche mir eine Helmpflicht für Rad- und E-Scooterfahrer.

Professor Dr. Kai WohlfarthChefarzt, BG Klinikum Bergmannstrost Halle

Woran erkennt man eine Gehirnerschütterung?

Eine Gehirnerschütterung kann sich durch unterschiedliche Beschwerden bemerkbar machen. Zu den häufigsten Symptomen gehören Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit und Erbrechen. Auch eine kurze Bewusstlosigkeit, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Verwirrtheit und Sprachstörungen können vorkommen. Besonders wichtig ist die Beobachtung in den ersten 24 Stunden nach dem Unfall.  Erste Warnzeichen sollten immer ernst genommen werden.

Können die Symptome auch erst später auftreten?

Ja. Manche Beschwerden treten erst Stunden oder sogar Tage nach dem Unfall auf. Deshalb sollten Kopfverletzungen grundsätzlich nicht unterschätzt werden. Treten Beschwerden neu auf oder verstärken sie sich, sollte umgehend ein Arzt aufgesucht werden. 

Was passiert bei einer Gehirnerschütterung?

Bei einer Gehirnerschütterung wird das Gehirn durch einen Stoß, Schlag oder eine plötzliche Beschleunigung innerhalb des Schädels kurzzeitig erschüttert. Dabei kann es zu vorübergehenden Funktionsstörungen der Nervenzellen und Nervenbahnen kommen.“

Wie wird eine leichte Gehirnerschütterung behandelt, und was haben Betroffene zu beachten?

Das Gehirn benötigt Zeit, um sich von der Verletzung zu erholen. In den ersten Tagen sollten Betroffene körperliche Anstrengungen vermeiden und keinen Sport machen. Wichtig sind Ruhe und Schlaf. Sobald die Symptome nachlassen, können Alltagsaktivitäten schrittweise wieder aufgenommen werden. Die Belastung sollte langsam gesteigert werden und sich am individuellen Befinden orientieren.

Was können Ersthelfende, Führungskräfte, Kolleginnen und Kollegen bei einer Kopfverletzung am Arbeitsplatz tun?

Bei einer Kopfverletzung gilt: Sicherheit geht vor. Ersthelfende sollten die betroffene Person beobachten und auf die Symptome achten. Führungskräfte sollten dafür sorgen, dass Beschäftigte nach einer Kopfverletzung nicht weiterarbeiten, bevor die Situation nicht medizinisch geklärt wurde. Eine vermeintlich leichte Gehirnerschütterung sollte niemals auf die leichte Schulter genommen werden. Prävention bleibt daher besonders wichtig. Schutzmaßnahmen, persönliche Schutzausrüstung und eine gelebte Sicherheitskultur helfen, Kopfverletzungen zu vermeiden.

Wenn Sie zum Tag der Gehirnerschütterung zwei Wünsche frei hätten, welche wären das?

Darauf habe ich eine klare Antwort: Erstens wünsche ich mir eine Helmpflicht für Rad- und E-Scooter-Fahrer. Außerdem wünsche ich mir, dass eine neurologische Konsultation nach Kopfverletzungen fester Bestandteil der Notfallversorgung wird, bei weiterbestehenden Beschwerden sollte ein Neuro-Check durchgeführt werden.

Was genau ist ein Neuro-Check, und warum halten Sie ihn für so wichtig?

Die mittel- und langfristigen Folgen von unbehandelten oder nicht erkannten Gehirnerschütterungen oder anderer Kopfverletzungen können erheblich sein: von anhaltenden Konzentrations- und Gedächtnisstörungen bis hin zu einer langfristigen Arbeitsunfähigkeit.

Bei einem Neuro-Check werden Patientinnen und Patienten nach einer Kopfverletzung gezielt neurologisch untersucht. Mithilfe standardisierter Tests können Auffälligkeiten frühzeitig erkannt und die weitere Behandlung besser gesteuert werden. Dieses Leistungsangebot der BG-Kliniken hat sich bewährt. Mein Wunsch ist deshalb, dass ein solcher Neuro-Check künftig bei allen Kopfverletzungen eingesetzt wird, unabhängig davon, wo die Verletzung behandelt wird.

 

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