Eine Frau in leuchtend roter Jacke steht auf der Treppe vor dem Institut für Rechts- und Verkehrsmedizin in Heidelberg. Links neben der Tür hängt ein Plakat, das auf die Gewaltambulanz hinweist.
Datum der Veröffentlichung: Lesezeit: 3 Minuten

Häusliche Gewalt erkennen und richtig handeln

Mehr Menschen als je zuvor erlebten 2024 in Deutschland körperliche, sexualisierte oder psychische Übergriffe. Die Folgen zeigen sich auch am Arbeitsplatz. Die Ursache bleibt jedoch meist unsichtbar. Was können Führungskräfte und Unternehmer konkret tun?

Das Wichtigste im Überblick

  • Häusliche Gewalt hat mit 265.942 betroffenen Menschen im Jahr 2024 in Deutschland einen Höchststand erreicht.
  • Die Folgen können sich auch bei der bei der Arbeit bemerkbar machen.
  • Für Betroffene ist der Arbeitsplatz häufig ein Ort der Sicherheit.
  • Führungskräfte können handeln und unterstützen.
  • Expertinnen des Instituts für Rechts- und Verkehrsmedizin Heidelberg erläutern Warnsignale und geben konkrete Empfehlungen.
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Häusliche Gewalt zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten

Häusliche Gewalt im Arbeitskontext erkennen – und richtig handeln: Im Interview mit HUNDERT PROZENT sprechen Professor Kathrin Yen, Ärztliche Direktorin des Instituts für Rechts- und Verkehrsmedizin des Universitätsklinikums Heidelberg, und Sozialarbeiterin Ann-Kathrin Truber über Auffälligkeiten bei Betroffenen und Handlungsmöglichkeiten für Führungskräfte. 
 „Das Ausmaß häuslicher Gewalt ist enorm. Es zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten. Betroffen sind meist Frauen“, sagt Professor Kathrin Yen. Sexuelle Gewalt, Kindesmissbrauch, digitale Erpressung – all das geschehe häufig im Verborgenen. Aus Scham und Angst erstatteten Betroffene meist keine Anzeige. „Erst nach mehreren Übergriffen und wenn Gewalt zunehmend eskaliert – erst dann lassen sich betroffene Personen helfen “, berichtet Ann-Kathrin Truber. 

Porträtaufnahme von Professor Kathrin Yen. Sie stehr vor einem Bücherregal, das leicht unscharf im Hintergrund zu sehen und schaut freundlich in die Kamera.

Als Führungskräfte stehen wir in der Verantwortung. Trauen Sie sich, und sprechen Sie Ihre Mitarbeiterin oder Ihren Mitarbeiter an.

Professor Kathrin Yen, Ärztliche Direktorin des Instituts für Rechts- und Verkehrsmedizin des Universitätsklinikums Heidelberg

Arbeitsplatz als Rückzugsort

Ein Unterarm liegt ausgestreckt in zwei Händen mit blauen sterilen Handschuhen. Die linke Hand hält ein Winkellineal an die Armbeuge, wo ein blauer Fleck erkennbar ist.
Eine Verletzung wird ausgemessen und dokumentiert.

„Für Betroffene kann der Arbeitsplatz ein wichtiger Ort der Sicherheit und des Rückzugs sein“, hebt Professor Yen hervor. Häufig veränderten sie aber ihr Verhalten. „Das ist eines der typischen Warnsignale bei Menschen, die häusliche Gewalt erfahren“, ergänzt Truber.

Mögliche Warnsignale

  • Betroffene ziehen sich zurück und verschließen sich, meiden persönliche Kontakte und Gemeinschaftsaktionen.
  • Arbeitsleistungen lassen deutlich nach, ohne erkennbare Gründe.
  • Verletzungen, zum Beispiel an Hals, Augen, Handgelenken, teils verdeckt, werden teils mit kuriosen Erklärungen umschrieben.
  • Auffällig viele Kontrollanrufe oder Handynachrichten erreichen sie während der Arbeit.
  • Nervosität und Unsicherheit sind auffällig. 

 „Wenn eine Kollegin zum dritten Mal ein blaues Auge hat, weil sie sich 'schon wieder am Schrank gestoßen hat', dann sollte man als Führungskraft hellhörig werden“, sagt Professor Yen. 

Hören Sie auf Ihr Bauchgefühl

„Hier stehen wir als Führungskräfte in der Verantwortung. Trauen Sie sich, und sprechen Sie Ihre Mitarbeiterin oder Ihren Mitarbeiter behutsam an. Hören Sie auf Ihr Bauchgefühl. Bauen Sie Vertrauen auf. Das direkte Ansprechen und ein echtes Interesse daran, wie es der Mitarbeiterin oder dem Mitarbeiter geht, kann der Schlüssel sein, damit sich Menschen öffnen, die Hilfe benötigen!“, appelliert Professor Yen. Führungskräfte könnten sich auch bei regionalen Interventionsstellen beraten lassen. Denn diese Situationen seien nicht einfach, könnten aber eine große Hilfe für Betroffene sein und dazu beitragen, dass sich die Person aus ihrer schwierigen Lebenssituation befreit.

So können Führungskräfte unterstützen 

Diese Empfehlungen geben Professor Yen und Sozialarbeiterin Truber:

  • Schauen Sie nicht weg!
  • Fragen Sie nach! Zum Beispiel: „Kann es sein, dass Sie sich gerade in einer schwierigen Situation befinden oder Unterstützung brauchen?“ oder „Ist bei Ihnen alles in Ordnung?“ oder „Ich habe Ihre Verletzung gesehen / ich bemerke, dass Sie sich in der letzten Zeit sehr zurückziehen, und mache mir Sorgen um Sie.“
  • Schaffen Sie Vertrauen und sichern Sie Vertraulichkeit zu!
  • Bieten Sie konkrete Hilfe an, zum Beispiel die Begleitung zu Beratungsstellen!
  • Vermitteln Sie Adressen von professionellen Anlaufstellen!
  • Bleiben Sie in Kontakt. Bieten Sie einen Folgetermin an!

Hilfe auf dem Weg in ein selbstständiges Leben

Gesprächssituation an einem kleinen Tisch: Eine Frau im rosa Pullover sitzt mit dem Rücken zur Kamera. Vor ihr sitzt eine junge Frau mit Brille im schwarzen Pulli und schaut sie freundlich an. Im Hintergrund ist eine weiße Holztür zu sehen.
Sozialpädadgogin Ann-Kathrin Truber im Gespräch mit einer Betroffenen.

265.942 Menschen wurden laut Bundeskriminalamt im Jahr 2024 in Deutschland Opfer häuslicher Gewalt. „Häusliche Gewalt ist keine Privatsache. Studien zeigen, dass jede dritte Frau in ihrem Leben sexualisierte oder körperliche Gewalt erlebt hat“, sagt Professor Yen. Wie häufig Übergriffe im Alltag vieler Partnerschaften und Familien vorkommt, wird auch in der zur Rechtsmedizin gehörenden Gewaltambulanzen Heidelberg und Stuttgart deutlich.Im Jahr 2024 suchten in beiden Ambulanzen 1070 von Gewalt Betroffene, darunter viele Opfer häuslicher Gewalt, Hilfe. In 2025 waren es in beiden Anlaufstellen 1170 Betroffene. „Von Gewalt betroffene Frauen finden beim Verein Frauenhauskoordinierung  Kontakte zu Frauenhäusern. Der Verein wird vom Bundesfamilienministerium gefördert und unterstützt deutschlandweit Frauenhäuser und Fachberatungsstellen fachlich und bei ihrer politischen Arbeit", hebot Truber hervor.

„Unsere Arbeit ist wichtiger denn je!"

In der Heidelberger Gewaltambulanz, die ganz Nordbaden versorgt, erhalten Betroffene  rund um die Uhr Hilfe – kostenlos und auch ohne Anzeige bei der Polizei.Die Sozialarbeiterin Ann-Kathrin Truber ist dort als Lotsin tätig. In der psychosozialen Nachsorge „Guide4you“ unterstützt sie Betroffene, die sich für ein neues Leben entscheiden und aus ihrem Alltag aussteigen. Truber begleitet sie zur Polizei, zu Gericht oder bei anderen Behördengängen – und auf ihrem Weg in ein selbstständiges Leben. „Unsere Arbeit ist wichtiger denn je“, stellen Truber und Professor Yen fest. „Die Zahl der offiziell gemeldeten Betroffenen bilden nur einen Teil der Realität ab. Die Dunkelziffer ist wesentlich höher. Umso wichtiger ist es, möglichst viele Menschen für dieses Thema zu sensibilisieren.“

 

Gewaltambulanzen helfen und geben Rechtssicherheit

  • Auf Initiative der in Österreich geborenen Professor Kathrin Yen wurde 2011 die Gewaltambulanz in Heidelberg eröffnet, 2023 folgte eine weitere in Stuttgart. In beiden brachte Yen ihre Erfahrungen aus der klinisch-forensischen Ambulanz in Graz ein, die 2008 unter ihrer Leitung dort gegründet worden war.
  • Dort werden Menschen, die körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren haben, von Ärztinnen und Ärzten der Rechtsmedizin untersucht.
  • Die Untersuchungen erfolgen auf Wunsch verfahrensunabhängig, also auch ohne Einschaltung der Polizei.
  • Die Spurensicherung und gerichtsfeste Dokumentation der ärztlichen Untersuchungen können als rechtskräftige Beweismittel eingesetzt werden, falls Anzeige erstattet wird und es zu einem Straf- oder Zivilverfahren kommt.
  • Betroffene finden in den Gewaltambulanzen auch psychosoziale Unterstützung durch die Lotsinnen und Lotsen des Projektes Guide4you.
  • Auch Betreuungsangebote können vermittelt werden.
  • Die Gewaltambulanz Heidelberg ist rund um die Uhr erreichbar. Termine können telefonisch vereinbart werden.
  • Die Stuttgarter Gewaltambulanz ist vom Montag bis Donnerstag 8:00 Uhr bis 23:00 Uhr erreichbar, von Freitag 08.00 bis Montag 08.00 Uhr ebenfalls rund um die Uhr.
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