
Neurodiversität am Arbeitsplatz
Wie können neurodivergente Beschäftigte gesund und sicher arbeiten? Arbeitspsychologin Saskia Rauh erklärt, wie passende Arbeitsgestaltung Erschöpfung verhindert.

Durch den Unfall mit einem Gabelstapler in der Nachtschicht im Logistikbetriebs nox Germany in Niederaula ändert sich das Leben von Benjamin Zettl schlagartig. Sein rechter Unterschenkel muss unterhalb des Knies amputiert werden. Eineinhalb Jahre später kehrt er zurück – in die Steuerung des bundesweiten Nachtnetzwerks.
Benjamin Zettl ist ein gefragter Mann am nox-Umschlagzentrum im hessischen Niederaula. Wenn in einer einzigen Nachtschicht etwa 20 Sattelzüge und 230 Transporter die Logistikhalle ansteuern, läuft er zu Hochform auf. Kisten, Pakete, Paletten – Frachtgüter aller Art werden ausgeladen, codiert und in andere Lkw und Transporter umgesetzt. An den 56 Rampen der Halle herrscht Hochbetrieb. Förderbänder, Gabelstapler und Hubwagen surren. Emsig transportieren sie Pakete und Frachten von einem Fahrzeug zum anderen. Das Logistikunternehmen ist auf Nachtexpresslieferungen spezialisiert. Niederaula ist von über 20 nox-Standorten einer der wichtigsten. Seit zehn Jahren arbeitet Zettl in dem Logistikbetrieb, seit über acht Jahren als Umschlagleiter.
Der Arbeitsplatz des ausgebildeten Vermessungstechnikers ist nur zwei Kilometer von seinem Zuhause in Niederaula entfernt. Das ist einer der Gründe, warum er sich bei nox als Lagerkraft beworben hat. Als Vermessungstechniker war Zettl viel unterwegs. Sein Vater lebte allein im Haus. „Es ist mir lieber, in seiner Nähe zu sein“, sagt er. Und Disposition in der Nachtschicht, das ist genau Zettls Ding, weiß er inzwischen.
Der 46-Jährige spricht mit Fahrern, Kolleginnen und Kollegen, trifft Entscheidungen und ist da, wo er gebraucht wird. Auch in der Nacht zum 28. Januar 2025: Gegen 23 Uhr ist Zettl gerade auf dem Weg zu einem Lkw-Fahrer, als er von einem zurücksetzenden Gabelstapler ergriffen wird. „Das Fahrzeug ist während der Fahrt mit dem Heck gegen mich geprallt, ich wurde von der Wucht herumgewirbelt. Durch den Sturz wurde mein rechter Unterschenkel zerquetscht und zertrümmert“, schildert er rückblickend.
Unmittelbar nach dem Unfall scherzt der für seinen trockenen Humor bekannte Zettl noch mit seinen Kollegen. „Ich ahnte nicht, dass es so schlimm ist“, erinnert er sich. Er sei bei vollem Bewusstsein und glasklar im Kopf gewesen. Erst als er hört, dass der Notarzt im Telefonat mit dem Klinikum Fulda erklärt, dass eine Teilamputation im Raum stehe, sei ihm komisch geworden. Nach der Akutversorgung wird er im Krankenhaus zwei Tage später vor die Entscheidung gestellt, seinen rechten Unterschenkel amputieren zu lassen. „Die Aussichten für den Erhalt waren nicht gut, wurde mir gesagt“, so Zettl. Nach intensivem Austausch mit seiner Familie entschied er sich für die Amputation.
In den ersten Wochen nach dem Unfall nimmt BGHW-Reha-Berater Lars Klose Kontakt mit dem Versicherten auf und organisiert die Verlegung vom Klinikum Fulda in die BG Klinik Frankfurt. „Dort wurde nachamputiert, um die Prothesenversorgung zu optimieren“, erklärt Klose. Benjamin Zettl habe sich bereits während des Heilverfahrens hochmotiviert eingebracht. Das spiegle auch der Reha-Verlauf wider.
Mit dieser Einstellung läuft der Heilungsprozess immer besser. „Den Orthopädietechniker, seine Gehschule sowie ambulante Therapie-Möglichkeiten hat sich unser Versicherter in Wohnortnähe selbst organisiert – stets in Absprache mit meinen Kollegen in der Reha-Sachbearbeitung und mir“, betont Klose. Der BGHW-Reha-Berater ist mit Zettls Vorgesetzten im engen Austausch. „Das Unternehmen hat vorbildlich reagiert. Der Arbeitgeber steht zu seinem Wort“, sagt er. Diese Haltung sei auch für den Versicherten wichtig. „Nach einem so schweren Unfall sind Betroffene oft verunsichert. Es hilft zu wissen, dass man wieder an den Arbeitsplatz zurückkehren kann“, weiß Klose.
Das bestätigt auch Benjamin Zettl. „Meine Kollegen und Vorgesetzten waren und sind für mich da. Sie haben mich im Krankenhaus und in der Reha besucht. Und die Zusage, hier wieder arbeiten zu können, hat mir geholfen. Ich wusste, dass ich mich darauf verlassen kann“, so der BGHW-Versicherte. „Ich wollte unbedingt wieder zurück.“
Die Firma sei für ihn wie eine Familie, schwärmt der Logistiker. „Wir sind für dich da“, habe sein Kollege und Vorgesetzter Dominic Kampmann bekräftigt. „Für uns stand von Anfang an fest, dass Benjamin wieder bei uns arbeiten wird. Einen wie ihn lässt man nicht gehen. Uns war wichtig, ihn auf seinem Weg zurück bestmöglich zu unterstützen“, sagt Kampmann, Leiter Transportnetzwerk. Benjamin Zettl stehe für Qualität und Zuverlässigkeit und sei der ideale Netzwerker, egal mit wem, immer auf Augenhöhe, schwärmt er. In enger Absprache mit dem Versicherten und BGHW-Reha-Berater Lars Klose wird für ihn ein Arbeitsplatz in der Netzwerksteuerung eingerichtet. „Mit seinem Wissen und seiner Art ist er genau der Richtige dafür. Und er kann überwiegend am Schreibtisch arbeiten“, so Kampmann.
Wie eng Zettl mit dem nox-Team verbunden ist, zeigt sich auch während der Rehabilitation. Seine Kollegen kümmern sich um seine Katzen, während er in der Frankfurter BG Klinik zur Reha ist. „Einmal neun Wochen, einmal rund vier Wochen. Das war hart. Aber es hat auch gutgetan“, gesteht er. „Wenn du gesund und fit werden möchtest, musst du etwas dafür tun. Von allein geht nichts“, weiß Zettl. Das bestätigt auch sein Neuanfang. Der 46-Jährige unterstützt heute Steuerung des bundesweiten Nachtnetzwerks. Zettl: „Ich bin froh, endlich wieder hier zu sein.“

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