
Nach Amputation endlich wieder im Job
Wegen eines Unfalls in der Nachtschicht musste Benjamin Zettls rechter Unterschenkel amputiert werden. Inzwischen arbeitet der Lagermitarbeiter in der bundesweiten Logistik.

Wie können neurodivergente Beschäftigte langfristig gesund und sicher arbeiten, ohne schnell zu erschöpfen oder unkonzentriert zu werden? Die Arbeitspsychologin Saskia Rauh forscht zu diesem Thema und erklärt, wie Unternehmen Arbeitsplätze an unterschiedliche Bedürfnisse anpassen können. Leonie Kriegeskotte, angestellt in einem kleinen Unternehmen im Bergischen Land, erzählt von ihren Erfahrungen als Betroffene.

Neurodiversität beschreibt die natürliche Vielfalt menschlicher Gehirne und neurologischer Funktionsweisen. Weicht eine Person von dem ab, was als statistische Norm gilt, sprechen wir von Neurodivergenz. Dazu können unter anderem Autismus, ADHS, Dyslexie, Dyskalkulie, Dyspraxie oder das Tourette-Syndrom. Wichtig ist: Bei Neurodivergenz gibt es nicht immer ein klares Ja oder Nein, sondern fließende Übergänge. Oft liegt keine Diagnose vor und trotzdem – gerade im Arbeitsleben – erlebt eine betroffene Person aufgrund ihrer Umwelt große Herausforderungen.
Dass wir zu schnell defizitär denken und ausschließlich die Schwierigkeiten einer Person in bestimmten Bereichen sehen. Neurodivergenz kann Herausforderungen mit sich bringen, aber auch Stärken. Diese zeigen sich beispielsweise in einer sehr hohen Detailgenauigkeit, einer ausgeprägten Mustererkennung, großer Kreativität oder Empathie. Manche Menschen entwickeln in sehr dynamischen Situationen besonders viel Energie.
Neurodivergente Menschen verarbeiten sensorische Reize häufig anders. Lärm, Licht, visuelle Ablenkung oder viele gleichzeitige Informationen können sie stärker beanspruchen. Das sind Faktoren, die im Arbeitsschutz ohnehin eine Rolle spielen. In der Gefährdungsbeurteilung werden beispielsweise Arbeitsumgebungen und -bedingungen analysiert und beurteilt. Für neurodivergente Menschen müssen wir sie gegebenenfalls genauer und individueller betrachten.
Sie sollten beobachten: Wann arbeitet eine Person besonders konzentriert und leistungsstark? Wann treten Schwierigkeiten auf? Danach sollte ein offenes Gespräch folgen, aber nicht mit der Unterstellung: „Ich glaube, Sie haben ADHS.“ Das wäre übergriffig. Besser wäre: „Was würde Ihnen helfen, Ihre Arbeit gut zu erledigen?“ Für die meisten Betroffenen kommt so ein Gespräch sicherlich nicht unverhofft. In der Regel kennen sie ihre eigenen Herausforderungen. Vielleicht hatten sie bereits zwei oder drei Arbeitgeber und wissen, vor allem wenn sie älter sind, meist ziemlich genau, wo ihre Schwierigkeiten liegen, was sie brauchen und was ihnen helfen könnte. Führungskräfte müssen also keine Diagnose stellen. Sie sollten ein Angebot machen und gemeinsam mit der beschäftigten Person nach Lösungen suchen.
Die Diagnostik hat in den vergangenen zehn bis 15 Jahren deutlich zugenommen – vor allem bei Kindern und dort wiederum primär bei Jungen. Mädchen werden tendenziell seltener diagnostiziert, weil sich die Symptomatik bei ihnen anders zeigen kann. Bei Erwachsenen ist die Situation ähnlich. Gerade bei ADHS, aber auch bei Autismus, können sich Merkmale über die Lebensspanne verändern. Was sich im Kindes- und Jugendalter zeigt, kann bei einer 40-jährigen Person anders aussehen. Eine fehlende oder späte Diagnose sagt deshalb nichts darüber aus, ob jemand im Arbeitsleben Unterstützung braucht. Entscheidend ist vielmehr, wie die Person ihre Arbeitssituation erlebt und welche Bedingungen ihr helfen, langfristig gesund und sicher zu arbeiten.
Schon kleine Anpassungen können viel bewirken: Lärm und visuelle Ablenkungen reduzieren, klare und kurze Arbeitsaufträge formulieren oder einen Rückzugsort anbieten. Arbeitsaufträge sollten möglichst konkret und unmissverständlich sein. Metaphorische oder sehr verklausulierte Formulierungen können für manche Beschäftigte schwer verständlich sein. Wenn ein Unternehmen dafür sorgt, dass Reize reduziert werden, profitieren in der Regel nicht nur neurodivergente, sondern auch neurotypische Personen. Ein ruhigerer Arbeitsplatz, weniger visuelle Ablenkung und klare Kommunikation entlasten viele Menschen.
Im Handel und in der Warenlogistik können beispielsweise Job Crafting oder Job Rotation eingesetzt werden, um Tätigkeiten stärker an individuelle Bedürfnisse anzupassen. So könnte eine Person etwa teilweise im Lager und teilweise in einem Bereich mit Kundenkontakt arbeiten. Während manche Beschäftigte von Abwechslung und wechselnden Tätigkeiten profitieren, sind für andere klare Strukturen, vorhersehbare Abläufe und Kontinuität besonders hilfreich. Entscheidend ist daher, nicht von der Diagnose auf bestimmte Bedürfnisse zu schließen, sondern gemeinsam mit der jeweiligen Person herauszufinden, welche Arbeitsbedingungen sie bei ihrer Arbeit unterstützen.
Wir brauchen grundsätzlich ein neurodiversitätsfreundliches Verständnis. Es geht nicht nur um die Führungskraft und die neurodivergente beschäftigte Person. Die meisten Menschen arbeiten in Teams, die wenigsten sitzen isoliert und arbeiten für sich allein. Deshalb brauchen auch die anderen Mitarbeitenden ein Grundverständnis: Was ist Neurodivergenz überhaupt, und wie kann sie sich zeigen?
Nachfragen statt diagnostizieren: Sprechen Sie im Vier-Augen-Gespräch oder im Team darüber, was konzentriertes und gesundes Arbeiten erleichtert. Entscheidend sind die konkreten Bedürfnisse, nicht eine offizielle Diagnose.
Klar kommunizieren: Formulieren Sie Arbeitsaufträge und Unterweisungen konkret, kurz und möglichst schriftlich. Erklären Sie Prioritäten, Abläufe und Veränderungen transparent.
Reize reduzieren: Prüfen Sie Lärm, Licht, visuelle Ablenkungen und Unterbrechungen. Rückzugsorte und flexible Pausen können Überlastung verhindern und entlasten oft das gesamte Team.
Arbeit passend gestalten: Job Rotation oder Job Crafting können helfen, Aufgaben und Kundenkontakt sinnvoll zu kombinieren. Job Crafting bedeutet, dass Arbeitnehmende ihren bestehenden Job aktiv und selbstbestimmt mitgestalten, ohne dabei die Position oder den Arbeitgeber zu wechseln.
Im Arbeitsschutz verankern: Sensibilisieren Sie das Team und beziehen Sie Fachkräfte für Arbeitssicherheit, Sicherheitsbeauftragte sowie Betriebsärztinnen und Betriebsärzte ein.
Indem sie ungewöhnliches Verhalten nicht vorschnell negativ bewerten und somit die Stärken einer Person vielleicht gar nicht wahrnehmen. Hält eine autistische Person keinen Blickkontakt, ist sie nicht automatisch unhöflich. Macht jemand mit ADHS im Gespräch Gedankensprünge, bedeutet das nicht, dass er oder sie unfähig ist.
Wir können es uns auch aus wirtschaftlichen Gründen nicht leisten, Menschen vorschnell als „nicht tragbar“ abzustempeln. Gerade angesichts des Fachkräftemangels entstehen hohe Kosten, wenn Beschäftigte aufgrund unpassender Arbeitsbedingungen immer wieder den Arbeitsplatz wechseln. Teams mit neurodivergenten Beschäftigten können zunächst herausfordernd sein, aber sie können auch von unterschiedlichen Sichtweisen profitieren. Dafür braucht es Führungskräfte und eine Unternehmenskultur, die diese Vielfalt schätzen.
Beim Person Environment Fit geht es um die Frage, wie gut ein Mensch und sein Arbeitsumfeld zusammenpassen. Dieses sogenannte Passungsverhältnis ist entscheidend für Motivation, Leistung und Gesundheit und muss für neurodivergente Beschäftigte besonders differenziert betrachtet werden. In der Studie wollten wir von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern wissen, wie sie mit unterschiedlichen neurodivergenten Ausprägungen ihre Arbeitsumgebung erleben. Dabei betrachten wir nicht nur die Person, sondern auch die Anforderungen des Jobs, des Teams, der Führungskraft und der Organisation. Die Auswertung der Studie ist noch nicht abgeschlossen. Aber erste Ergebnisse zeigen bereits, wie wichtig die Arbeitsumgebung für das Erleben und die Gesundheit von Beschäftigten sein kann. Für Betriebe spricht deshalb vieles dafür, in passgenaue Arbeitsgestaltung zu investieren. Maßnahmen wie klare Abläufe, weniger Reize und bessere Kommunikation können die Arbeitsfähigkeit stärken, Belastungsfaktoren verringern und zugleich die Bindung an den Betrieb fördern.
Sich zu informieren und die eigenen Arbeitsbedingungen kritisch anzuschauen: Wo entstehen unnötige Reize, Unklarheit oder Unterbrechungen? Danach sollten Führungskräfte das Gespräch anbieten und gemeinsam mit den Beschäftigten praktikable Anpassungen suchen. Fachkräfte für Arbeitssicherheit, Sicherheitsbeauftragte sowie Betriebsärztinnen und Betriebsärzte sollten einbezogen und für das Thema sensibilisiert werden. Wichtig ist außerdem eine Kultur, in der Offenheit nicht sanktioniert wird. Niemand sollte befürchten müssen, dass sich ein Gespräch über persönliche Bedürfnisse am nächsten Tag negativ auswirkt.
Leonie Kriegeskotte arbeitet seit mehr als zwei Jahren bei Lebensquelle Plus im Bergischen Land. In dem kleinen Fachgeschäft, das Edelsteinprodukte online sowie in einem Ladenlokal verkauft, ist die junge Frau im Lager und Versand tätig. Leonie Kriegeskotte ist Autistin und hat ADHS.
Was ihr Sicherheit gibt, sind klare Abläufe und ein Umfeld, das ihre Bedürfnisse kennt und ernst nimmt. Schwierig wird es für Leonie Kriegeskotte, wenn ein vertrauter Ablauf plötzlich nicht mehr gilt: „Es stört mich zum Beispiel, wenn ich einen Arbeitsplan habe, der auf einmal durcheinandergeworfen wird“, sagt sie. „Oder wenn ein Problem auftaucht, ich es erklären muss und mir die passenden Worte fehlen, gerate ich in Stress.“ Spontan auf neue Situation umzuschalten, fällt ihr schwer.
Im Laufe der Zeit hat sie Strategien entwickelt, mit solchen Momenten umzugehen: „Ich gehe eine Runde nach draußen oder setze mich für einige Minuten auf eine Couch und richte den Blick auf einen neutralen Punkt an der Wand. Damit fährt mein Gehirn runter“, erklärt sie. Auch ein großer Schluck Wasser und drei bewusste Atemzüge helfen ihr, wieder zur Ruhe zu kommen. Dabei geholfen haben ihr ihre Familie, aber am Arbeitsplatz vor allem auch ihr Chef sowie Kolleginnen und Kollegen. Denn wenn sie manchmal selbst noch gar nicht merkt, dass die Belastung steigt, fällte es den Kolleginnen und Kollegen auf und sie empfehlen ihr „mal eine Runde um den Block zu gehen“.
Dass das Team bei Lebensquelle Plus so sensibel auf ihre Bedürfnisse reagiert, liegt an der gelungenen Einführung in den Betrieb. Ihre Schwester, die dort ebenfalls arbeitet, klärte den Chef und das Team über ihren Autismus und ADHS auf. „Die haben sich dann auch alle vorab informiert“, erzählt Leonie Kriegeskotte. Ihr Chef schaute in der Anfangszeit regelmäßig vorbei, fragte nach und probierte gemeinsam mit ihr aus, welcher Arbeitsbereich zu ihr passt und wie sie mit aufkommenden Stresssituationen umgehen kann.
Bei ihrem früheren Arbeitgeber hat sie dagegen wenig Verständnis erlebt. „Bei Missverständnissen und Mobbingsituationen mit Kolleginnen und Kollegen sagte mir mein damaliger Chef, ich sei das selbst schuld und solle mich normal verhalten“, berichtet sie. Bei Lebensquelle Plus sei der Umgang „zu 100 Prozent anders“, freut sie sich. „Hier fühle ich mich von meinem Umfeld aufgefangen.“ Die Aufmerksamkeit, Offenheit und Bereitschaft im Unternehmen, gemeinsam eine Lösung zu finden, ermöglichen ihr ein gesundes und sicheres Arbeiten.

Wegen eines Unfalls in der Nachtschicht musste Benjamin Zettls rechter Unterschenkel amputiert werden. Inzwischen arbeitet der Lagermitarbeiter in der bundesweiten Logistik.
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