Illustration von Dr. Rolf Erbe (ehemaliger Fachgruppenleiter Berliner Feuerwehr- und Rettungsdienst-Akademie) und Udo Krämer (DHL)
Datum der Veröffentlichung: Lesezeit: 3 Minuten

Praxisblick Lithium-Ionen-Batterien

Rund um Lithium-Ionen-Batterien gibt es noch viele Missverständnisse. Dr. Rolf Erbe von der Berliner Feuerwehr und Udo Krämer, Gefahrgutexperte bei DHL, sprechen über bewährte Maßnahmen, Fehler, die häufig passieren und Prävention, die weit vor dem Ernstfall beginnen muss.

Das Wichtigste im Überblick

  • Dr. Rolf Erbe und Udo Krämer erläutern, worauf es beim sicheren Umgang mit Lithium-Ionen-Batterien im Betrieb und zu Hause ankommt.
  • Unternehmen sollten Gefährdungen systematisch bewerten, klare Abläufe festlegen und eng mit Behörden und Feuerwehren zusammenarbeiten.
  • Wer beschädigte Batterien, austretende Gase oder Rauch früh erkennt und richtig reagiert, kann schwere Folgen vermeiden.
  • Hochwertige Batterien, geeignete Ladegeräte und das Beachten der Herstellerhinweise tragen wesentlich zu einem sicheren Einsatz bei.
  • Lithium-Ionen-Batterien sind eine bewährte Technologie – entscheidend ist ein sachgerechter und verantwortungsvoller Umgang.

 

 

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Das Wichtigste ist Aufklärung

Dr. Rolf Erbe: Beim Thema Lithium-Ionen-Batterien (LIB) kommen mir drei typische Situationen in den Sinn: Wo werden in Privatwohnungen, Hotels und Büros die Akkus von E-Bikes oder E-Scootern geladen? Da, wo sie optisch nicht stören: im Treppenhaus, im Flur oder in anderen Bereichen, die eigentlich Rettungswege sind. Spricht man die Verantwortlichen darauf an, sind sie sich der potenziellen Risiken gar nicht bewusst. Sie machen das nicht aus Nachlässigkeit, sondern schlicht aus Unkenntnis. Und diese Unkenntnis müssen wir dringend auflösen, weil sie Menschleben kosten kann.

Udo Krämer: Ihre Erfahrung bringt das Problem auf den Punkt: Es braucht viel mehr Aufklärung in der Bevölkerung. In der Industrie sind wir da schon weiter. Bei DHL führen wir ein Gefahrstoffkataster. Jeder unserer Standorte verfügt über entsprechende Übersichten und weiß, welche Batterien an welchen Stellen eingesetzt sind. Besonders beim Thema Laden legen wir großen Wert auf Transparenz und klare Prozesse. Da sich LIB in nahezu allen Betriebsmitteln befinden – in Scannern, Druckern, Werkzeugen, Handheld-Geräten oder E-Bikes – haben wir ein eigenes Batteriehandbuch mit allen relevanten Informationen erstellt: Vorgaben zur Lagerung, zum Laden, zum Transport und zum Umgang mit beschädigten Batterien. Die Mitarbeitenden müssen nicht selbst nach Informationen suchen, sondern finden alles an einer Stelle. Bei unseren Logistikunternehmen, die größere Mengen Batterien lagern, gehört das Thema selbstverständlich zur Gefährdungsbeurteilung.

Illustration Dr. Rolf Erbe, ehemaliger Fachgruppenleiter an der Berliner Feuerwehr- und Rettungsdienst-Akademie

Sicherheit muss viel früher beginnen, mit der Gefährdungsanalyse und Feuerwehrplänen.

Dr. Rolf ErbeEhemaliger Fachgruppenleiter an der Berliner Feuerwehr- und Rettungsdienst-Akademie, jetzt Dozent und Fachberater. Er arbeitet in verschiedenen Fachgremien mit und verfügt über 46 Jahre Einsatzerfahrung.

Erfahrung teilen, Schäden begrenzen

Erbe: Das ist auch absolut notwendig, weil Sicherheit viel früher beginnen muss. Jedes Unternehmen muss eine Gefährdungsanalyse zu LIB durchführen. Außerdem braucht es Notfall-, Havarie- und Feuerwehrpläne, die beispielsweise Gefahrstofflager, technische Einrichtungen und besondere Risiken dokumentieren.

Krämer: Der Vorteil bei der Gefährdungsbeurteilung ist, dass wir die Situation ganzheitlich betrachten. Wir analysieren zunächst die Batteriemengen, die Art der Batterien und die jeweilige Zellchemie. Nicht jede Lithium-Batterie ist gleich. Unterschiedliche Zellchemien bringen unterschiedliche Risiken mit sich. Auf dieser Grundlage bewerten wir, welche Schutzmaßnahmen erforderlich sind. Anschließend stimmen wir uns mit den zuständigen Behörden und Feuerwehren ab.

Erbe: Vorbildlich! Denn Informationen im Vorfeld tragen viel zur Früherkennung von Risiken bei. Wir haben in Deutschland keine einheitliche Statistik, die Lithium-Ionen-Batterien als eigene Brandursache erfasst. Wir sind oft auf Einzelfallberichte angewiesen. Einsatzkräfte berichten von ihren Erfahrungen, Sachversicherer liefern Erkenntnisse, und wir tauschen uns auf Fachtagungen aus. Ein Wissenstransfer auf allen Ebenen ist enorm wichtig.

Krämer: Auch für uns ist ein kontinuierlicher Lernprozess von großer Bedeutung. Bei uns bewährt es sich, dass bei Verdachtsfällen oder nach Brandereignissen die Fachkräfte für Arbeitssicherheit den Vorfall mit der Feuerwehr analysieren.
Erbe: Wenn wir noch einmal auf das private Umfeld schauen, sind die entstehenden Gase wichtig. Wird eine LIB beschädigt oder geht sie thermisch durch (s. Seite 21), entstehen verschiedene Gase, die giftig, ätzend und teilweise explosiv sein können. Viele Menschen erkennen die Gefahr nicht, weil häufig weißer Rauch austritt. Weißer Rauch wirkt zunächst harmlos. Die meisten Menschen verbinden damit Nebel, Wasserdampf oder Ähnliches. Tatsächlich kann dieser Rauch hochgefährlich sein. Wenn eine Batterie sichtbar ausgast oder Rauch entwickelt, sollte man Abstand halten und den Bereich verlassen.

 

Illustration Udo Krämer, Gefahrgutexperte DHL

Wir sollten nicht über Ängste sprechen, sondern über den richtigen Umgang.

Udo KrämerLeiter Gefahrgutmanagement bei Post & Paket Deutschland, einem Unternehmensbereich der DHL Group. Er kümmert sich mit seinem Team um organisatorische Fragestellungen rund um Gefahrguttransporte, zu denen auch Schulungen und Unterweisungen gehören.

Für LIB gilt: Sorgfalt statt sparen

Krämer: Deshalb berücksichtigen wir bei unseren Unterweisungen auch nicht nur den Arbeitsplatz, sondern auch den privaten Bereich. Viele haben Akkus im Keller, in der Werkstatt oder in der Wohnung. Wir möchten allumfassend sensibilisieren. Denn viele Schäden entstehen nicht zwangsläufig an der Batterie selbst, sondern im Zusammenspiel mit ungeeigneten Ladegeräten.

Erbe: Apropos ungeeignet: Leider immer wieder beliebt und sehr gefährlich: Wenn Menschen die Reichweite ihrer Fahrzeuge erhöhen und zusätzliche Batterien einbauen oder mehrere Akkus miteinander verbinden. Oder minderwertige Produkte aus dem Online-Handel – von denen geht ebenfalls ein Risiko aus.

Krämer: Die Qualität der Batterien ist einfach sehr wichtig. Bevor sie in den Verkehr gebracht oder befördert werden dürfen, müssen sie bestimmte Prüfungen bestehen, etwa den UN-38.3-Test. Eine vorgeschriebene Transportprüfung für Lithium-Batterien. Hersteller müssen nachweisen, dass eine Batterie verschiedene Belastungen übersteht wie Höhen- und Drucksimulation, Temperaturwechsel oder Vibrationen. Trotzdem gibt es Qualitätsunterschiede. Es ist sinnvoll, ein verlässliches Produkt zu kaufen, statt nur auf den Preis zu schauen.

Erbe: Lithium-Ionen-Batterien sind eine hervorragende Technologie. Sie ermöglichen vieles, was heute selbstverständlich geworden ist. Gleichzeitig bringen sie bestimmte Risiken mit sich. Diese kann man beherrschen – durch Wissen, durch Aufklärung und durch vernünftige organisatorische Maßnahmen. Ein beeindruckendes Beispiel habe ich in der Automobilbranche gesehen: Dort werden Batterien automatisiert überwacht. Sobald eine Batterie Auffälligkeiten zeigt, wird sie durch Robotersysteme aus dem Produktionsprozess entfernt und in einen sicheren Bereich gebracht. Falls erforderlich, wird automatisch ein Räumungsalarm ausgelöst. So kann moderne Prävention aussehen.

Krämer: Dem schließe ich mich an. Die Technologie ist gekommen, um zu bleiben. Deshalb sollten wir nicht über Ängste sprechen, sondern über den richtigen Umgang. Wer qualitativ hochwertige Produkte verwendet, die Herstellerhinweise beachtet, geeignete Ladegeräte nutzt und beschädigte Batterien ernst nimmt, reduziert das Risiko bereits erheblich.

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