Axel Wisgalla fährt mit seinem Rollstuhl über einen asphaltierten Wirtschaftsweg. Er trägt einen Fahrradhelm und winkt lachend mit der linken Hand in die Kamera. Die Sonne lacht auch. Er fährt schnell.
Datum der Veröffentlichung: Lesezeit: 3 Minuten

Von der Lagerkraft zum Lebensberater

Der Sturz von einer Lkw-Laderampe verändert das Leben von Axel Wisgalla schlagartig. Mit 22 Jahren wird er durch einen Arbeitsunfall in einer Nürnberger Spedition Rollstuhlfahrer. Trotz der Querschnittlähmung bleiben seine Lebensfreude und sein Tatendrang ungebrochen. Mit Unterstützung der BGHW sattelt er beruflich um zum Sozialpädagogen. 

Das Wichtigste in Kürze

  • Der 22-jährige Axel Wissgalla ist nach einem Arbeitsunfall in einer Nürnberger Spedition querschnittgelähmt.
  • Nach Ende der Rehabilitation entscheidet er sich für einen beruflichen Neustart
  • Mit Unterstützung der BG studiert er Soziale Arbeit.
  • Der Sozialpädagoge berät Menschen mit Behinderung und setzt sich auch ehrenamtlich aktiv für ein selbstbestimmtes Leben beeinträchtigter Menschen ein. 
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Mit der „Ameise" von der Rampe gestürzt

„Ich bin froh, dass ich noch lebe“, sagt Axel Wisgalla. Im Interview mit HUNDERT PROZENT berichtet der 62-Jährige, wie der Unfall im Mai 1986 sein Leben verändert hat und warum es ihm ein persönliches Anliegen ist, beeinträchtigte Menschen zu unterstützen.  
Axel Wisgalla hat erfolgreich eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann beendet. Auch den Zivildienst in der Nürnberger Initiative für Sozialtherapie hat er – vor seinen Unfall – abgeschlossen. Jetzt weiß der 22-Jährige nicht genau, wie es beruflich weitergehen soll. In dieser Findungsphase arbeitet er als Lagerkraft in einem Logistikunternehmen in seiner Heimatstadt Nürnberg.
Es ist ein sonniger Tag Anfang Mai. Als er mithilfe eines Hubwagens auf einer Lkw-Rampe steht, um den Lkw zu entladen, stürzt er mitsamt der sogenannten „Ameise“ von der Rampe. „Mir schoss gleich durch den Kopf, dass ich meine Beine nicht mehr spüre – und wahrscheinlich querschnittgelähmt bin“, erinnert er sich. Querschnittlähmung wegen Wirbelsäulenfrakturen – das bestätigt auch die Diagnose der Ärztinnen und Ärzte im Klinikum Nürnberg Nord. Noch am gleichen Tag bringt ihn ein Rettungshubschrauber ins Querschnitt-Zentrum der Klinik Hohe Warte in Bayreuth. Nach den ersten Wochen, die unter anderem von Mobilisierung, Physiotherapie und Rollstuhl-Eingewöhnung geprägt sind, beginnt dort zeitnah die weiterführende Rehabilitation.

Dank der finanziellen Absicherung der BG konnte ich Fachabitur machen und das Studium der Sozialen Arbeit durchziehen.

Axel Wisgalla, BGHW-Versicherter

Beruflicher Wechsel im Fokus

Einen besonderen Stellenwert nimmt in der Klinik die Bekanntschaft mit den Rollstuhl-Basketballern im Frühstücksraum der Klinik ein. „Dort erfuhr man, wie das Leben funktioniert. Und wie man Rollstuhlsport treibt“, erinnert sich Wisgalla.  Schnell gehört er zu den „Baskets“ der Bayreuther Klinik. „Was mir Sicherheit gab, war der Kontakt zu einem BG-Reha-Berater, der sich kurz nach dem Unfall mit mir in Verbindung setzte und mir erklärte, wie mich die BG unterstützt und begleitet“, erzählt Wisgalla.
Auch über die Frage, wie sich seine berufliche Zukunft gestalten könnte, tauscht er sich mit dem BG-Berater aus. „Danach stand für mich schnell fest: Ich möchte in den sozialen Bereich wechseln.  Dank der finanziellen Absicherung konnte ich Fachabitur machen und das Studium der Sozialen Arbeit durchziehen“, erzählt er. Durch die Berufsunfähigkeitsrente und die Unterstützung der BG kann er die Zeit nach seinem Klinikaufenthalt für ambulante Therapien und Trainings nutzen. Immer besser findet er sich als Rollstuhlfahrer in seinem neuen Leben zurecht. Er bleibt am Ball, spielt in Nürnberg weiter Rollstuhl-Basketball und gründet gemeinsam mit Sportkameraden einen eigenen Verein, der in der Bayerischen Liga spielt und viel auf Turnieren unterwegs ist. Auch als Bogenschütze ist Wisgalla aktiv.

Glückliche Fügungen

Axel und Elke Wisgalla pflücken am Baum vor Ihrer Haustüre Kirschen. Er sitzt, sie steht, er hat einen Plastikbecher in der linken Hand.

„Es war eine glückliche Fügung, dass ich in einer Diskothek einen Rollstuhlfahrer kennenlernte, der seine Fachhochschulreife für den Berufszweig Sozialwesen in Fürth anstrebte und mir seinen Werdegang beschrieb“, erzählt er. Dieses Gespräch war die Initialzündung. „Fachabitur, das Studium – all das war nur möglich, weil die BG meinen Lebensunterhalt gewährleistete“, betont Wisgalla. Den Pkw, den er mit finanzieller BG-Unterstützung anschaffen kann, weiß er auch während seines Studiums zu schätzen. Das Praktikum in der Erlanger Beratungsstelle des Zentrums für selbstbestimmtes Leben Behinderter (ZSL) begeistert ihn so sehr, dass er 1995 nach seinem Studium wiederkommt. Zunächst arbeitet er beim ZSL-Bundesverband, zwei Jahre später berät Axel Wisgalla in der Erlanger ZSL-Beratungsstellet Menschen mit Behinderung als Sozialpädagoge und als Peer aus seiner Erfahrung als Rollstuhlfahrer.
Eine weitere glückliche Fügung erlebt Axel Wisgalla 2001 im Urlaub auf einem Campingplatz am Lago d‘Iseo in Norditalien. Dort lernte er seine heutige Frau Elke kennen. Er ist mit dem Handbike, die Münchnerin mit ihrem Motorrad unterwegs. Die Zwei kommen ins Gespräch – und es funkt. Nach zweieinhalb Jahren Fernbeziehung zieht sie zu ihm nach Erlangen. Bis heute gehen die in Altdorf lebenden Eheleute Wisgalla leidenschaftlich gerne mit Handbike und Pedelec auf Tour. Die Camping-Urlaub sind dagegen seltener geworden.

Mit Sport aus der Einsamkeit kommen

Axel Wisgalla im Gespräch mit BGHW-Reha-Berater Armin Lohr.

„Sport spielte in meinem Leben immer eine große Rolle“, sagt der BGHW-Versicherte. Für seinen Basketball-Verein lässt er sich auch zum Übungsleiter ausbilden – und trainiert in dieser Funktion jahrelang eine Gruppe Vier- bis Zwölfjähriger im Rollstuhlsport in Erlangen. „Durch Sport kommen Menschen aus der Einsamkeit“, fügt er hinzu. Gerade für Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung sei es besonders wichtig, Sport zu treiben und körperlich fit zu sein, weiß er. Das vermittelt er auch den Menschen in seinen Beratungsgesprächen. „Durch seine berufliche Tätigkeit kennt er sich im sozialen Bereich hervorragend aus“, bestätigt auch BGHW-Reha-Berater Armin Lohr, der den Versicherten seit einigen Jahren betreut. „Die Gespräche im Rahmen der nachgehenden Betreuung finden auf Augenhöhe statt und sind inhaltlich durchaus fordernd“, verrät BGHW-Reha-Berater Armin Lohr lachend. Mitte 2026 ist der 62-jährige Versicherte vorzeitig in Rente gegangen. Bis zu seinem Abschied war der Diplompädagoge im ZSL tätig: 2013 wechselte er in die ZSL-Leitung der offenen Behindertenarbeit und 2018 in die „Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung“ (EUTB) Mittelfranken Nordost. 

Ehrenamtlich im Einsatz

Durch meine Erfahrungen als BGHW-Versicherter, weiß ich, wie gut es ist, alle Leistungen aus einer Hand zu bekommen. Daher ist es mir ein Bedürfnis, dieses Glück zu teilen und die Lebenssituation von Menschen mit Behinderung zu verbessern und ihnen zu helfen, selbstbestimmt zu leben“, betont Wisgalla. Auch privat will er sich künftig weiterhin ehrenamtlich und politisch für Inklusion einsetzen. In diesem Sinne bringt er seine Erfahrungen ehrenamtlich im mittelfränkischen Behindertenrat ein und arbeitet seit 2019 im Arbeitskreis Barrierefreiheit Mobil Handicap der Stadt Aldorf mit. 
Anlässlich seines Ruhestands hat sich Axel Wisgalla für 40 Jahre Begleitung bei den Beschäftigten der BGHW in einem Brief herzlich bedankt. „Ich weiß sehr zu schätzen, wie zugewandt und wichtig die Begleitung durch die BGHW für mich und auch meine Lebensqualität war“, betont Wisgalla. Ohne die Absicherung durch die BGHW sei auch die vorzeitige Rente nicht möglich gewesen. 

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