Ute Grötzinger (rechts) und Rechtsanwältin Sylvia Grasser stehen sich vor einem Regal voller Akten gegenüber und sprechen miteinander. Sie lachen sich an.
Datum der Veröffentlichung: Lesezeit: 3 Minuten

Nach einem Faustschlag stand das Leben Kopf

Ein Faustschlag ins Gesicht während der Arbeit stellt das Leben von Ute Grötzinger von einem Moment auf den anderen auf den Kopf. An eine Rückkehr in ihre bisherige Tätigkeit im Einzelhandel ist nicht mehr zu denken. Mit Unterstützung der BGHW gelingt ihr ein beruflicher Neuanfang. Heute arbeitet die 58-Jährige in einer Rechtsanwaltskanzlei in Aalen – und blickt zuversichtlich nach vorn.

Das Wichtigste in Kürze

  • Nach einem Faustschlag ins Gesicht musste Ute Grötzinger ihre Tätigkeit im Einzelhandel aufgeben.
  • Lange Zeit litt sie unter den psychischen Folgen.
  • In einer stationären Reha fand sie wieder zu sich selbst.
  • Mithilfe der BGHW gelang ihr ein beruflicher Neuanfang.
  • Heute arbeitet sie in einer Rechtsanwaltskanzlei.
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Neue Perspektive gefunden

 „Inzwischen bin ich endlich angekommen und fühle mich richtig wohl“, sagt Ute Grötzinger. Im Gespräch mit BGHW-Reha-Berater Sven Letzgus und HUNDERT PROZENT schildert die 58-Jährige ihren Weg seit dem Gewaltereignis. Wenn sie über ihren heutigen Arbeitsplatz spricht, klingt Erleichterung in ihrer Stimme mit. Vor zwei Jahren sah ihre Situation noch ganz anders aus. 
Ein gewaltsamer Übergriff während der Arbeit hat ihr Leben komplett verändert. Der Umgang mit fremden Menschen im Kundenkontakt ist seitdem für die ehemalige leitende Mitarbeiterin eines Lebensmittelmarktes nicht mehr möglich. Mithilfe des BGHW-Reha-Beraters Sven Letzgus gelang ihr schließlich die berufliche Neuorientierung. Heute arbeitet die Mutter zwei erwachsener Söhne in der Aalener Anwaltskanzlei Grasser und hat dort eine neue Perspektive gefunden. 

Junges Mädchen bat um Hilfe

An den Abend des Angriffs erinnert Ute Grötzinger sich noch genau. Es war kurz nach 21 Uhr. Sie bereitete gerade den Tagesabschluss vor und prüfte die Kasse, als ein Mädchen in das Geschäft kam und um Hilfe bat: Vor dem Laden belästige sie und ihre Freundin ein Betrunkener. Sie begleitete das Mädchen nach draußen. „Der besagte Mann war ein ehemaliger Kunde, der Ladenverbot hatte“, erinnert sie sich. Die Kassenleiterin sprach auf ihn ein und bat ihn, das Gelände zu verlassen. „Er kam immer näher auf mich zu. Ich konnte gar nicht zurückweichen, so eng standen die Mädchen hinter meinem Rücken“, schildert Ute Grötzinger. Plötzlich schlug der Mann ihr mit seiner Faust mitten ins Gesicht. Dass sie eine Brille trug, verhinderte vermutlich schwerere Verletzungen. „Zunächst habe ich gar nicht richtig wahrgenommen, was passiert war“, ergänzt sie.

Passanten überwältigten Angreifer

Ute Grötzinger spricht gestikulierend mit BGHW-Reha-Berater Sven Letzgus. Sie sitzen nebeneinander vor einem Regal mit Akten.
Ute Grötzinger und BGHW-Reha-Berater Sven Letzgus im Gespräch.

Trotz des Schocks ging sie zurück in den Lebensmittelmarkt und erledigte ihre Arbeiten. „Ich habe einfach funktioniert“, weiß sie heute. Passanten überwältigten den Angreifer wenig später, die alarmierte Polizei nahm ihn fest. Erst nach und nach wurde Ute Grötzinger bewusst, welche Folgen der Angriff für sie hatte. Die Kopfschmerzen wurden immer stärker. Der Durchgangsarzt diagnostizierte am nächsten Tag eine Schädelprellung. 

Ängste und Schlafstörungen im Alltag 

Noch schwerer wogen die psychischen Folgen. „Ich fühlte mich elend, verängstigt und völlig erschöpft“, beschreibt sie die Zeit nach dem Übergriff. „Frau Grötzinger litt unter einer posttraumatischen Belastungsstörung“, erklärt BGHW-Reha-Berater Sven Letzgus, der die Versicherte seit dieser Zeit begleitet. Diese psychische Reaktion kann nach Gewalterfahrungen auftreten. Sie macht sich unter anderem durch Ängste, Schlafstörungen oder erhöhter Schreckhaftigkeit bemerkbar. „Ich konnte lange Zeit nicht allein einkaufen gehen und hatte große Probleme mit fremden Menschen zusammen zu sein“, erzählt die Schwäbin weiter. Über die Akutintervention der BGHW und das Psychotherapeutenverfahren der gesetzlichen Unfallversicherung konnte die dringend notwendige Psychotherapie zeitnah in die Wege geleitet werden. Darüber erhielt sie schnell professionelle Unterstützung. „Lange Zeit war sie arbeitsunfähig. Die Folgen des Angriffs wurden immer deutlicher“, erläutert der Reha-Berater.

Ute Grötzinger lehnt sich an das Rückenteil ihres Bürostuhls und hat die Arme über die Lehne gelegt. Sie lächelt in die Kamera.

Es hat mir gut getan, Menschen kennenzulernen, die ähnliche Erfahrungen gemacht hatten. In der Reha konnte ich wieder zu mir selbst finden.

Ute Grötzinger, BGHW-Versicherte

Rückkehr in den Alltag blieb schwierig

Die ambulante Therapie und die stufenweise Wiedereingliederung in ihren alten Beruf wurden mehrfach verlängert. Dennoch blieb die Rückkehr in den Arbeitsalltag schwierig. „Ich war sehr unsicher“, erzählt die BGHW-Versicherte. Zusätzliche Belastungen, darunter die Begegnung mit einem aggressiv auftretenden Kunden während der Wiedereingliederung, verstärkten ihre Ängste weiter. Schließlich empfahlen ihr die behandelnde Psychologin und BGHW-Reha-Berater Letzgus eine stationäre psychosomatische Rehabilitation in der BG Klinik Bad Reichenhall. Acht Wochen verbrachte sie dort. Die Klinik ist auf die Behandlung von Menschen spezialisiert, die nach Arbeitsunfällen oder Gewalterfahrungen unter psychischen Belastungen leiden. Ziel ist es, die Betroffenen bei der Verarbeitung traumatischer Erlebnisse zu unterstützen und ihnen die Rückkehr ins Berufsleben und soziale Teilhabe zu ermöglichen.
„Der Aufenthalt in der Klinik in Bad Reichenhall war genau das Richtige für mich. In der Reha konnte ich wieder zu mir selbst finden“, sagt Ute Grötzinger. Besonders hilfreich seien die Gespräche mit den Therapeutinnen und Therapeuten sowie der Austausch mit anderen Betroffenen gewesen. „Es hat mir gut getan, Menschen kennenzulernen, die ähnliche Erfahrungen gemacht hatten“, ergänzt sie. In Erinnerung geblieben ist ihr vor allem die Konfrontationstherapie.

Ute Grötzinger und BGHW-Reha-Berater Sven Letzgus sitzen nebeneinenander in einem Büro. Sie schauen freundlich in die Kamera. Hinter ihnen ist ein Regal mit Akten zu sehen.

Die Entwicklung von Ute Grötzinger ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie berufliche Rehabilitation funktionieren kann. Entscheidend waren die enge Begleitung, die passende therapeutische Unterstützung und die Motivation der Versicherten, sich auf einen Neuanfang einzulassen.

Sven Letzgus, BGHW-Reha-Berater

Wichtiger Schritt für weitere Entwicklung

Die Rechtsanwälte Sylvia und Franz Grasser - Tochter und Vater - stehen hinter ihrer Mitarbeiterin Ute Grötznger, die am Schreitisch ihres Chefs sitzt. Alle schauen freundlich in die Kamera.
Die Rechtsanwälte Sylvia (links) und Franz Grasser stehen hinter ihrer Mitarbeiterin Ute Grötzinger - im wahren Wortsinne.

Gemeinsam mit einer Therapeutin besuchte sie einen Lebensmittelmarkt und stellte sich dort bewusst Situationen, die Erinnerungen an den Angriff auslösten.  „Das war alles andere als leicht, aber rückblickend ein wichtiger Schritt für meine Entwicklung“, sagt sie heute. Während der Therapien wurde deutlich, dass eine Rückkehr in den Einzelhandel nicht mehr infrage kommen würde. „Die psychischen Belastungen waren zu eng mit dem früheren Tätigkeitsfeld von Frau Grötzinger verbunden“, erklärt der Reha-Berater. Deshalb suchten sie gemeinsam nach einer beruflichen Alternative und das brauchte Zeit. „Zwischenzeitlich habe ich befürchtet, keine Arbeit mehr zu finden“, ergänzt die Versicherte. Bis sie die Stellenausschreibung ihres heutigen Arbeitgebers entdeckte. Sie bewarb sich und bekam den Job. Seit rund zwei Jahren arbeitet sie dort im Büro. „Die Arbeit macht mir große Freude. Ich habe tolle Kolleginnen, die mich von Anfang an unterstützten. Trotzdem musste ich fachlich vieles neu lernen und wieder bei null anfangen.“ 

Ute Grötzinger blickt mit Zuversicht nach vorne 

Auch in der Kanzlei ist man mit der Entscheidung bis heute zufrieden. „Frau Grötzinger ist in der Betreuung der Mandanten und des digitalen Posteingangs unentbehrlich", sagt ihre Chefin, Rechtsanwältin Sylvia Grasser. Beim beruflichen Neustart unterstützte die BGHW den neuen Arbeitgeber. In den ersten Beschäftigungsmonaten erhielt die Kanzlei einen Wiedereingliederungszuschuss. Mit dieser Leistung werden Unternehmen unterstützt, die Menschen nach einer Erkrankung oder einem Unfall eine neue berufliche Chance geben. Für BGHW-Reha-Berater Sven Letzgus ist die Entwicklung von Ute Grötzinger ein gelungenes Beispiel dafür, wie berufliche Rehabilitation funktionieren kann. Entscheidend seien die enge Begleitung, die passende therapeutische Unterstützung und die Motivation der Versicherten gewesen, sich Schritt für Schritt auf einen Neuanfang einzulassen.
Ute Grötzinger blickt heute mit Zuversicht nach vorn. Die Folgen des Angriffs sind nicht vollständig verschwunden. Doch sie hat gelernt, damit umzugehen – und sich ein neues berufliches Zuhause aufgebaut. „Ich wollte mein altes Leben zurück, wollte es unbedingt schaffen. Und das meiste ist zurück“, sagt sie. 

BGHW unterstützt Jobsuche und hilft bei Rückkehr an den Arbeitsplatz 

So unterstützt die BGHW ihre Versicherten nach einem Arbeitsunfall bei der Rückkehr an den Arbeitsplatz bzw. bei der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz: 

  • Durchführung von Arbeitgebergesprächen zum Erreichen der beruflichen Eingliederung, ggf. auch mit innerbetrieblicher Umsetzung
  • Beteiligung und Unterstützung bei Gesprächen zum Betrieblichen Eingliederungsmanagement (BEM) beim Arbeitgeber
  • Einschaltung DGUV-Job zur Unterstützung bei der Stellensuche und im Bewerbungsverfahren
  • Gewährung von Eingliederungszuschüssen zur Einarbeitung
  • Unterstützung von Probebeschäftigungen

Schnelle Soforthilfe

Ein Arbeits- oder Wegeunfall, Gewalt, Aggression oder sexualisierte Gewalt am Arbeitsplatz können sehr belastend sein. Derartige Erfahrungen bringen für Betroffene neben körperlichen häufig auch psychische Folgen mit sich. In diesen Fällen stellt das Psychotherapeutenverfahren der gesetzlichen  Unfallversicherung die schnelle Versorgung sicher. Die Unfallversicherungsträger greifen dabei auf ein Netzwerk aus rund 900 Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten mit besonderen Kenntnissen in der Traumabewältigung zurück.

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