Ich mag Donnerstage. Pünktlich um 11.45 Uhr beginnt meine Digitale Achtsame Pause. Ich schließe für zehn Minuten die Augen, atme tief ein und aus und ein und aus und denke an die schönen Dinge im Leben. Es sind zehn friedliche Minuten. Ich liebe sie. So geht es auch meiner Kollegin Astrid. „Diese zehn Minuten einmal in der Woche gönne ich mir“, sagt sie. So wie uns geht es vielen Menschen. Achtsamkeit setzt einen Gegenimpuls in der hektischen Arbeitswelt: kurz anhalten und wahrnehmen, was geschieht. Das kann Stress senken, Konzentration stärken und Sicherheit bringen. Achtsamkeit lenkt die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment, auf Körperempfindungen, Gedanken und Gefühle, ohne sie zu bewerten. Bin ich angespannt? Atme ich flach? Bin ich schon beim nächsten Auftrag? Das Konzept ist längst in der betrieblichen Gesundheitsförderung angekommen. Es soll die Fähigkeit trainieren, bei einer Sache zu bleiben sowie Ablenkungen zu bemerken und auszublenden.
Achtsamkeit oder Antidepressiva?
Achtsamkeit liegt im Trend. Warum eigentlich? Das hat mit einer US-amerikanischen Studie aus dem Jahr 2022 zu tun, die untersucht hat, was bei Angststörungen besser wirkt: Achtsamkeit oder Antidepressiva? An der Studie der Georgetown University in Washington D.C. nahmen 200 Erwachsene mit Angststörungen teil. Eine Gruppe nahm acht Wochen lang täglich ein häufig eingesetztes Antidepressivum. Die andere absolvierte ein strukturiertes Achtsamkeitstraining mit wöchentlichen Terminen, einem Workshop und täglichem Üben. Nach zwei Monaten verbesserten sich die Beschwerden in beiden Gruppen ähnlich gut. Auch nach einem halben Jahr lagen die Ergebnisse gleichauf. Einen Unterschied gab es bei den unerwünschten Nebenwirkungen: In der Medikamentengruppe berichteten Teilnehmende über Schlafprobleme, Erschöpfung, Kopfschmerzen oder Übelkeit. Dennoch: Die Aussage „besser als Antidepressiva“ gilt nicht pauschal für Achtsamkeitsübungen. Sie bezieht sich auf diese Untersuchung, auf Angststörungen und vor allem auf die Kombination aus vergleichbarer Wirkung und weniger Nebenwirkungen. Bei Depressionen oder Angststörungen sind Achtsamkeitsübungen eine mögliche Ergänzung, aber kein Ersatz für Diagnose, Psychotherapie oder Medikamente. Wer anhaltend niedergeschlagen, ängstlich oder erschöpft ist, sollte professionelle Hilfe suchen.
Warum hilft Achtsamkeit bei der Arbeit?
Im Arbeitsalltag treffen Zeitdruck, Kundenkontakt, körperliche Belastung und digitale Unterbrechungen aufeinander. Multitasking ist oft die einzige Lösung. Das ist nicht gut. Denn die Aufmerksamkeit springt zwischen Aufgaben hin und her. Fehler werden wahrscheinlicher, weil Warnsignale übersehen werden. Ein achtsamer Moment kann diese Kette unterbrechen: vor dem Losfahren mit dem Flurförderzeug, beim Aufnehmen einer Last oder vor einem unangenehmen Telefonat. Dann hilft eine kurze Prüfung: Was ist jetzt meine Aufgabe? Ist der Weg frei? Muss ich nachfragen? Achtsamkeit ersetzt keine Unterweisung, sichere Verkehrswege, Pausen oder gute Organisation und Kommunikation. Sie kann jedoch dabei helfen, Regeln auch in hektischen Phasen anzuwenden. Auch die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen profitiert davon. Wer zuhört, bevor er antwortet, nimmt Missverständnisse früher wahr. Führungskräfte und Sicherheitsbeauftragte können vorleben, in kritischen Situationen erst zu prüfen und dann zu handeln – und Pausen ermöglichen. Das kann man lernen – zum Beispiel durch digitale Angebote während der Arbeitszeit.
Kleine Pause, große Wirkung
Achtsamkeit muss also keine 45-minütige Meditation sein. Zwei oder drei bewusste Minuten zwischen Aufgaben können reichen. Hilfreich sind feste Anlässe: vor Schichtbeginn, beim Werkzeugwechsel, in der Pause oder nach einer Kundeneskalation. Entscheidend ist, die Anspannung frühzeitig zu bemerken, um sicher und respektvoll zu handeln. Was bedeutet das für Unternehmen? Achtsamkeit ist kein Reparaturprogramm für überlastete Beschäftigte. Sie wirkt am besten zusammen mit einer verlässlichen Planung, klaren Zuständigkeiten, Pausen, guter Kommunikation und einer Sicherheitskultur, in der ein kurzes Verweilen erlaubt ist. So wird aus einer kleinen Übung ein Werkzeug für Gesundheit, Konzentration und sicheres Arbeiten. Meine Kollegin Astrid und ich können davon berichten.