Frage: Die BGHW bietet ihren Versicherten nach einem Gewaltereignis am Arbeitsplatz eine psychologische Soforthilfe an. Die sogenannte Akutintervention. Was ist das genau?
Dr. Lüdke: Die Akutintervention ist eine psychologische Soforthilfe, die unmittelbar nach einem emotional sehr belastenden Ereignis stattfindet. Diese psychologische Soforthilfe beinhaltet eine sofortige Kontaktaufnahme zu den Betroffenen, aber auch zu Unbeteiligten, um sie unmittelbar über Hintergründe zu informieren, sie über das Angebot dieser souveränen und kompetenten Hilfe zu informieren und nach einem ersten telefonischen Kontakt wird dann im Rahmen der psychologischen Soforthilfe auch ein sehr kurzfristiger Termin für einen Besuch vor Ort vereinbart. Den Treffpunkt können dann die Betroffenen selbst bestimmen. Das kann im Arbeitsbereich sein. Es kann aber auch im privaten Bereich sein. Aber auch an einem ganz anderen Ort. Unsere Expertinnen und ich auch persönlich fahren dann direkt zu den Betroffenen, um sie in einem Vier-Augen-Gespräch weiter zu betreuen, Risiken einzuschätzen, Ressourcen zu fördern und sie zu informieren über die Normalität der Symptome. Das heißt also, wir tun alles, um das Risiko erstmal einzuschätzen, ob sie möglicherweise längere Zeit unter den Folgen leiden könnten, ob sie möglicherweise auch krank werden können. Das Ziel der psychologischen Akutintervention ist es, die Betroffenen schnellstmöglich zu stabilisieren, damit ihre Gesundheit bestmöglich erhalten werden kann und dass es keine negativen Langzeitfolgen gibt.
Frage: Nehmen die Versicherten im Einzelhandel diese psychologische Soforthilfe gut an?
Dr. Lüdke: Ja die Hilfe wird wirklich sehr gut angenommen. Das gilt sowohl für Frauen wie auch für Männer. Es ist ja generell erstmal ein freiwilliges Angebot und für viele Betroffene ist es das erste Mal, dass sie mit einem Therapeuten Kontakt haben. Aber die Rückmeldungen die sind wirklich sehr sehr gut, weil sie auch schon unmittelbar im telefonischen Erstkontakt, aber dann auch in dem persönlichen Gespräch sehen, dass es hier nicht um eine Therapie geht. Sie sind nicht krank. Das heißt also, sie brauchen keine klassische Behandlung. Aber sie haben etwas sehr Außergewöhnliches, etwas sehr Verrücktes erlebt und diese außergewöhnlichen Erlebnisse ziehen eben immer ganz belastende Symptome nach sich: dass sie nicht schlafen können, dass sie schreckliche Bilder vor ihrem inneren Auge sehen, dass sie sehr schreckhaft sind, Schmerzen entwickeln. Die psychologische Akutintervention ist eine Form der Beratung. Wir klären also sehr intensiv auf. Wir fördern die eigenen Kräfte, eigene Ressourcen. Wir entwickeln gemeinsam Ziele und tun alles, um die Gesundheit wiederherzustellen. Und die Bereitschaft, diese Soforthilfe anzunehmen ist wirklich außerordentlich hoch.
Frage: Wie wirkt die Akutintervention? Hilft sie den Betroffenen dann im Nachgang auch?
Dr. Lüdke: Ja, wir können wirklich mit Stolz behaupten und auch sagen, dass diese Akutintervention außerordentlich hilfreich ist und diese Aussage kommt nicht nur von uns, sondern die Berufsgenossenschaft führt über viele Jahre immer wieder auch unabhängige Stichproben durch. Sie führt immer wieder auch Befragungen durch: Wie zufrieden sind die betroffenen Frauen und Männer mit unserer Arbeit? Und was uns seit vielen Jahren sehr erfreut ist, dass 93 Prozent aller von uns betreuten Betroffenen mit unserer Hilfeleistung sehr zufrieden sind. Bei sieben Prozent ist es so, dass sie generell auch zufrieden sind. Aber sieben Prozent der Betroffenen, die zum Beispiel einen Überfall erleben, haben schon mal belastende Lebensereignisse erlebt. Vielleicht einen geliebten Menschen schon verloren, vielleicht einen Wohnungseinbruch erlebt, vielleicht eine schwere Erkrankung überstanden. Diese Frauen und Männer brauchen dann mehr als eine Akutintervention und wir vermitteln sie dann in das wohnortnahe Versorgungssystem. Also sie brauchen dann in aller Regel eine klassische Verhaltenstherapie.
Frage: Wie sollten Betriebe generell mit Gewaltereignissen umgehen?
Betriebe sollten mit Gewaltereignissen immer sehr sehr ernsthaft und verantwortungsbewusst umgehen. Das heißt also jedes auch noch so kleine Gewaltereignis sollte im Grunde genommen nicht nur mitgeteilt werden, sondern sollte dazu führen, dass die Betroffenen das Angebot der psychologischen Unterstützung bekommen. Gewalt tut immer weh. Es muss nicht der Überfall sein, sondern es geht manchmal auch in den Bereich von Grenzverletzungen, emotionale Gewalt. Wo Menschen eingeschüchtert sind, Ängste haben. Das heißt also jedes Gewaltereignis sollte in einem Betrieb dazu führen, dass das Angebot für die psychologische Soforthilfe und ein persönliches Gespräch gemacht wird.