
Gefahren erkennen, Unfälle vermeiden
Auf der BGHW-Fachtagung 2026 erleben Teilnehmende aktuelle Lösungen für Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Prävention – mit Vorträgen, Praxisstationen und Live-Demos.

Moritz Sontheimer ist 16, als ein schwerer Moped-Unfall am 7. September 2021 sein Leben für immer verändert. Er wird schwer verletzt, verliert ein Bein. Mithilfe seiner Willenskraft, seiner Familie, der BG Unfallklinik Murnau und der BGHW steht er heute wieder mitten im Leben.
Wir treffen Moritz Sontheimer in der BG Unfall Klinik Murnau (BGU). Dort wurde er nach dem Unfall vor knapp fünf Jahren mehrfach operiert und monatelang behandelt. Im Austausch mit BGHW-Reha-Berater Alexander Stein, Sabine Drisch, der leitenden Oberärztin der BGU-Rehabilitation und Tobias Bergmüller, Gruppenleiter Physiotherapie, spricht er über die Meilensteine, die er mit ihrer Unterstützung setzen konnte.
Vier Tage vor dem Unfall hat der damals 16-Jährige in Biberach eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann begonnen. Es ist ein lauer Spätsommertag, als der Teenager nachmittags von der Arbeit nach Hause fährt. In einer langgezogenen Kurve der Landstraße rutschen die Reifen seines Mopeds auf einer Kiesspur weg. Er prallt gegen ein entgegenkommendes Auto, fliegt über das Fahrzeug und schleudert über den Asphalt. Sontheimer muss noch am Unfallort mehrfach reanimiert werden, bevor er mit einem Hubschrauber ins Uniklinikum Ulm gebracht wird. Das linke Bein ist durch den Asphalt aufgerissen, die Hauptschlagader im Oberschenkel durchtrennt. Die Folge: multiples Organversagen. Weitere Unfallfolgen, die in der Uniklinik behandelt werden: Hirnblutung, ein dreifacher Beckenbruch und ein Armbruch.
In dieser Zeit nimmt BGHW-Reha-Berater Alexander Stein Kontakt mit den Eltern in Oberschwaben auf. „Sie hatten verständlicherweise große Angst um ihren Sohn“, erinnert er sich. „Daher war ich sehr zurückhaltend und habe zunächst nur das Wichtigste angesprochen“, so der Reha-Berater. Er informiert die Eltern darüber, dass die BGHW ihren Sohn und sie unterstützen werde und dass er als Ansprechpartner an ihrer Seite sei.
Als Moritz nach fünf Wochen aus dem Koma erwacht, ist sein linkes Bein amputiert. „Ich konnte das zunächst nicht realisieren. Das war zu viel für mich“, erinnert er sich. Sieben Wochen nach dem Unfall wird der 16-Jährige in die BG Klinik Murnau verlegt. Es folgen mehrere Operationen. Diese Zeit verlangt ihm viel ab – Geduld, Kraft, Zuversicht und Willensstärke. „Ich war machtlos, konnte mich nicht bewegen“, erinnert er sich. „Weil ich künstlich beatmet wurde, konnte ich nicht sprechen und mich nicht mitteilen. Es war deprimierend für mich, und schwer, meine Lebenslage zu akzeptieren.“ Sein Köper hat während des Komas viele Muskeln abgebaut. „Anfangs war ich nicht in der Lage, gerade im Bett zu sitzen, ohne zur Seite zu kippen“, erzählt er.
Wieviel Disziplin und Stärke eine solche Situation erfordert, macht auch Physiotherapeut Tobias Bergmüller deutlich: „Eine Oberschenkel-Amputation ist ein enormer körperlicher und psychischer Einschnitt und sehr komplex. Damit verbunden sind viele Begleiterscheinungen.“ Nach einem so schweren Unfall bespreche man so früh wie möglich mit dem Versicherten, seinem Reha-Berater – und bei Minderjährigen wie Moritz es war – mit den Erziehungsberechtigten, wie es weitergehen kann, betont Oberärztin Sabine Drisch. „Im Anamnese-Gespräch erfassen wir die familiäre Situation, die Lebensumstände und erörtern die Frage, ob eine Rückkehr an den Arbeitsplatz möglich ist.“ Diese Aspekte werden für die Gestaltung des weiteren Weges im Reha-Plan festgeschrieben.
Mobilität, Selbständigkeit und Unabhängigkeit stehen in der Reha an erster Stelle. Daher strebe man gerade bei jungen Menschen nach einer Amputation eine prothetische Versorgung an, so Drisch. Moritz Sontheimer sollte eine Endo-Exo-Prothese bekommen – eine Art Stecksystem, das durch ein Implantat im Knochen des Oberschenkelstumpfes mit der Prothese verbunden wird. „Mein Körper hat das Implantat nicht vertragen. Es löste Phantomschmerzen aus, die kaum auszuhalten waren und bis heute immer wiederkehren“, erzählt Sontheimer. Der junge Erwachsene entscheidet sich schließlich für Mobilität durch Gehhilfen – ohne Prothese. „Damit die Mobilität gewährleistet werden kann, war und ist es wichtig, vor allem den Oberkörper zu kräftigen“, ergänzt Sabine Drisch. Das wird auch in der BGU Murnau intensiv trainiert. Einer der bedeutendsten Augenblicke in seiner Reha, erinnert sich Moritz Sontheimer, sei der Moment gewesen, als er allein mit Gehhilfen wieder die ersten Schritte tun konnte: „Damit habe ich meine Freiheit zurückbekommen. Das war ein wunderschönes Gefühl!“ Bis heute stärkt er durch regelmäßiges Kraft- und Fitnesstraining seine Muskeln, um mobil zu bleiben.
Alexander Stein begleitet den Versicherten seit dessen schwerem Unfall auf seinem Weg. Er tauscht sich mit ihm, seinen Ärztinnen, Ärzten, Therapeutinnen und Therapeuten aus. Der Reha-Berater organisiert unter anderem die finanzielle Unterstützung für die Anschaffung eines Autos und den barrierefreien Umbau der elterlichen Einliegerwohnung, in der Sontheimer lebt. Stein setzt sich auch mit dem Arbeitgeber in Verbindung. Dort kann Sontheimer seine Ausbildung fortsetzen. Allerdings: „Durch Operationen, Reha-Maßnahmen und Therapien fehlte ich so häufig, dass ich das erste Ausbildungsjahr hätte wiederholen müssen. Ich hatte das Mindestmaß möglicher Fehlzeiten überschritten. Wiederholen wollte ich nicht, zumal ich noch immer viel Zeit für Therapien benötigte“, so Sontheimer. Bereits vor der Ausbildung interessiert er sich für Geldhandel, Finanzmärkte und Kryptowährung. Er beendet das Ausbildungsverhältnis, schlägt seinen eigenen beruflichen Weg ein und ist seitdem im Finanzhandel selbstständig.
Wie viel Selbstständigkeit er sich nach dem Unfall zurückerarbeitet hat, zeigte auch eine mehrwöchige Reise nach China, die er allein organisiert und durchführt. Eine Freiheit, die er nach den schweren Monaten nach dem Unfall besonders zu schätzen wisse.
„Durch den Unfall musste ich schnell erwachsen werden“, betont der Schwabe. Ohne die Unterstützung der BGHW und der Klinik, aber insbesondere auch meiner Familie und richtig guter Freunde hätte ich das alles nicht geschafft“, sagt er. Trotz des Schicksalsschlags kann er dem Unfall mittlerweile auch etwas Positives abgewinnen: „Meine Werte und meine Lebenseinstellung haben sich verändert. Ohne diese Erfahrungen wäre ich nicht die Persönlichkeit, die ich heute bin. Ich führe ein selbstständiges und unabhängiges Leben. Und darauf bin ich sehr stolz.“ (rik)
Die BGHW unterstützt Versicherte nach einem Arbeitsunfall oder bei einer Berufskrankheit: Unter bestimmten Voraussetzungen bezuschusst sie Rehasport und Maßnahmen, die zur besseren Bewegung, Ausdauer und Kraft beitragen. Sie orientiert sich dabei an den Grundsätzen zur Förderung von Sport in der gesetzlichen Unfallversicherung. Weitere Infos unter DGUV: Rehasport/Funktionstraining.

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