Sönke Rössing: Ja, das ist so. Ein Exoskelett ist wie eine neue Maschine, für die ihre Anwender eine Anleitung brauchen. Und das fängt mit der Kommunikation an – und zwar über ganz banale Dinge: Wann wird das Exoskelett angezogen – in der Pause oder während der Arbeitszeit? Was passiert mit dem Exoskelett nach Schichtende – trägt das dann jemand anders? Am Anfang muss die Unternehmensführung klar sagen: Das machen wir jetzt, weil unsere Beschäftigten schmerz- und verletzungsfrei in den Feierabend gehen sollen. Neben Beschäftigten und Arbeitsschützern müssen noch andere im Umfeld abgeholt werden. Zum Beispiel diejenigen, die das Geld dafür ausgeben. Rechnet sich das Exoskelett für ein Unternehmen? Exoskelette haben ja auch einen produktiven Nutzen. Wenn man alle diese Faktoren begreift, wird man noch vielmehr Menschen von Exoskeletten überzeugen können.
Ralf Schick: Dabei sollte aber die Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten für die Unternehmen im Fokus stehen. Wenn der produktive Nutzen im Vordergrund steht, hat das Unternehmen nicht begriffen, dass durch die Krankheitstage der Beschäftigten auch enorme Kosten entstehen. Das Unternehmen muss daran interessiert sein, dass die Beschäftigten gesund sind und bleiben, um die Arbeit länger ausführen zu können. Dabei können Exoskelette unterstützen und die Arbeitsqualität, etwa bei Überkopfarbeiten, steigern. Aber beim Thema Produktivität bin ich vorsichtig. Das klingt sehr danach: ‚Mit einem Exoskelett kannst du jetzt 120 statt 100 Pakete in der Stunde handeln.‘ Und der Beschäftigte ist abends genauso müde und erschöpft wie vorher ohne Exoskelett.
Sönke Rössing: Ich gebe Ihnen recht. Exoskelette schaffen keine Superhumans! Das ist den meisten Unternehmen bewusst. Sie investieren in Exoskelette, weil der Druck durch den Fachkräftemangel brutal ist, und es auch in Zukunft keine Warenlager ohne Menschen geben wird. Vier messbare Faktoren spielen dabei eine Rolle: Exoskelette reduzieren Fehl-tage, machen den Arbeitsplatz attraktiver und erhöhen Arbeitsqualität sowie Produktivität.
Ralf Schick: Die Erwartungen mancher Unternehmen an Exoskelette sind dabei aber zu hoch. Technische Hilfsmittel wie mobiler Hebekran, Vakuumlifter oder Hubtisch entlasten die Muskulatur der Beschäftigten zu 100 Prozent. Kran, Greifer oder Lifter können aber nicht an jedem Arbeitsplatz eingesetzt werden. Und da beginnt für mich der sinnvolle Einsatz von Exoskeletten. Sie können technische Hilfsmittel nicht ersetzen, aber diese sinnvoll ergänzen. Exoskelette erweitern sozusagen das Portfolio an Maßnahmen.
Sönke Rössing: Der entscheidende Punkt ist die richtige Auswahl des Arbeitsplatzes. Denn Exoskelette sind kein Allheilmittel. Wir müssen die Arbeitsplätze in den unterschiedlichen Arbeitswelten besser verstehen, weil nicht jedes Exoskelett zu jeder Anwendung passt. Ich bin mir auch sicher, dass sich Komfort und Nutzerfreundlichkeit in den kommenden Jahren enorm verbessern werden. Es ist aber eine gewaltige Herausforderung, den Komfort an jede Körperform anzupassen, weil jeder Mensch anders ist. Unsere Forschungslabore arbeiten sehr intensiv daran.
Ralf Schick: Exoskelette müssen in der Anwendung flexibler werden, einen guten Tragekomfort bieten und dürfen den Anwender bei Nebentätigkeiten nicht behindern. Dann hätten wir schon viel gewonnen. Das haben auch die Studien der BGHW bestätigt. Es hat sich auch gezeigt, dass Exoskelette entsprechend den Anforderungen wirksam und leicht handhabbar sein müssen. Dann bin ich mir sicher, dass die Akzeptanz der Beschäftigten größer wird, diese zu tragen. Der Nachweis, Exoskelette könnten Muskel-Skelett-Erkrankungen und dadurch Krankheitstage reduzieren, muss allerdings noch im Rahmen von Langzeitstudien erbracht werden. [sie]