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Handel, Logistik und Konsum stehen unter Hochspannung: Globale Lieferketten wanken, die Kunden werden immer preissensibler, Innenstädte verändern sich und KI hält Einzug in Warenwirtschaft und Kundenservice. Was bedeutet das für Unternehmen im Handel und in der Warenlogistik – und für die Menschen, die dort arbeiten? Ein Gespräch mit der Zukunftsforscherin Theresa Schleicher.  

Das Wichtigste im Überblick

  • Der Handel wird zum Orientierungsgeber: Der Point of Sale der Zukunft verkauft nicht nur Produkte, sondern erklärt Herkunft, Wert und Zusammenhänge.
  • Die Logistik wird künftig noch strategischer, weil Lieferketten, Beschaffung und Verfügbarkeit zunehmend über den Erfolg im Handel entscheiden.
  • KI braucht ein menschliches Gegengewicht: Die Technologie optimiert zwar die Prozesse im Handel, aber Verantwortung und Entscheidungskompetenz bleiben menschlich.
  • Interview mit Deutschlands führender Handels-Zukunftsforscherin Theresa Schleicher. Sie ist am 14. September Keynotespeakerin bei der BGHW-Fachtagung "Sicherheit und Gesundheit in Handel und Warenlogistik".

 

Theresa Schleicher
Theresa Schleicher gilt als die führende Handels-Trendforscherin in Deutschland.

Viele sprechen vom „Tod des Point of Sale“. Wird der stationäre Handel zum Auslaufmodell?

Theresa Schleicher: Nein, das sehe ich nicht. Natürlich wird heute situativer verkauft – über Plattformen, Apps, Social Media. Aber der stationäre Handel bleibt zentral. Noch immer wird der Großteil der Umsätze über physische Flächen erzielt. Was sich allerdings verändert, ist die Rolle des Standorts: Es geht weniger darum, überall mitzuspielen, sondern darum, exzellent zu sein – entweder über Preisführerschaft, über Qualität oder über ein klares Profil. Diese Fokussierung wird wichtiger als ein ausuferndes Omnichannel-Versprechen.

Viele Innenstädte kämpfen mit Leerständen. Ist dieser Niedergang noch zu stoppen?

Wir werden eine Restrukturierung erleben. In den vergangenen Jahrzehnten gab es eine extreme Verdichtung – gerade im Lebensmittelhandel ist Deutschland eines der dichtesten Länder weltweit. Diese Dichte stößt an Grenzen. Künftig wird es weniger, aber qualitativ stärkere Standorte geben. Innenstädte müssen wieder einen sinnvollen Mix schaffen: von günstigen Angeboten bis zu Premium, von Nahversorgung bis Erlebnis. Entscheidend wird sein: Was können sich Menschen leisten – und was wollen sie sich leisten?

Der deutsche Konsument gilt als besonders preissensibel. Wie prägt das Handel und Logistik?

In der Tat: Die Preissensibilität ist in Deutschland hoch – und sie ist in den vergangenen Jahren noch gestiegen. Und das hat massive Folgen: Eigenmarken werden weiter an Bedeutung gewinnen, weil sie Vertrauen und Preiswürdigkeit verbinden. Die Sortimente werden datenbasiert optimiert – regional, zielgruppengenau, bedarfsgerecht. Und die KI wird eingesetzt, um die Nachfrage präziser vorherzusagen. Was das für Logistik und Warenwirtschaft bedeutet? Vor allem eine höhere Dynamik, mehr Analyse, mehr Feinsteuerung – vor allem im Frischebereich.

In Zeiten von KI brauchen wir mehr menschliche Intelligenz und nicht weniger.

Theresa SchleicherHandels-Trendforscherin

Wird die Logistik damit wichtiger als der klassische Handel?

Die Logistik wird zunehmend strategischer. Denn die Lieferketten sind instabiler geworden, Rohstoffe teurer, globale Abhängigkeiten spürbarer. Der Einkauf, die Beschaffung und die Supply Chain sind längst nicht mehr operative Nebenfunktionen, sondern strategische Schaltstellen. Gleichzeitig stehen Unternehmen in einem enormen Spannungsfeld: Sie kaufen zwar international ein, müssen aber lokale Produkte stärken. Sie müssen günstig anbieten, aber nachhaltig wirtschaften. Und sie müssen effizient arbeiten, aber eine Versorgungssicherheit gewährleisten. Diese Balance entscheidet sich im „Maschinenraum“ der Wertschöpfungskette.

Werden also Geschwindigkeit und schnelle Verfügbarkeit immer mehr zum Maßstab?

Teilweise. Die Erwartung an schnelle Lieferung ist da, aber sie hat sich normalisiert. „Same Day“ ist nicht mehr zwingend notwendig, „Next Day“ reicht oft aus. Spannender ist der Convenience-Gedanke: Menschen wollen keine Getränkekisten schleppen, keine Zeit mit Routinen verlieren. Gleichzeitig akzeptieren sie längere Lieferzeiten, wenn Produkte besonders günstig sind. Das heißt: Geschwindigkeit ist wichtig, aber nicht das absolute Maß aller Dinge. Preis, Bequemlichkeit und Vertrauen spielen ebenso eine wichtige Rolle.

Welche großen Herausforderungen sehen Sie für die nächsten Jahre?

Ich sehe drei zentrale Spannungsfelder: Erstens die Globalisierung. Internationale Plattformen und Direktvertrieb der Hersteller erhöhen den Wettbewerbsdruck. Gleichzeitig wünschen sich viele mehr Regionalität. Diese Gleichzeitigkeit ist herausfordernd. Zweitens Nachhaltigkeit und Klimawandel. Denn die Rohstoffe werden knapper, und die Preise steigen. Das hat zur Folge, dass der Konsum bewusster oder aus Angst eingeschränkt wird. Und der Handel steht zwischen steigenden Kosten und preissensiblen Kundinnen und Kunden. Drittens die Digitalisierung. KI, Automatisierung und Datenanalyse eröffnen sicherlich viele Chancen, überfordern aber Organisationen, die historisch anders strukturiert sind. Viele Initiativen werden wieder verschwinden, weil sie keinen klaren Zweck erfüllen.

Welche Rolle spielen die Beschäftigten dabei?

Eine ganz zentrale. In Zeiten von KI brauchen wir mehr menschliche Intelligenz und  nicht weniger. Denn die Technologie kann analysieren, prognostizieren und optimieren. Aber Empathie, Beratung, Einordnung, Verantwortung – das bleibt menschlich. Deswegen müssen Unternehmen sich fragen: Wofür setzen wir die Technologie ein? Wo brauchen wir menschliche Kompetenz? Wie befähigen wir unsere Mitarbeitenden für neue Rollen? Denn klar ist doch: Wenn Innovation nur als Kostensenkung verstanden wird, gefährdet das langfristig das System – wirtschaftlich wie gesellschaftlich.

Der Handel ist der Versorger unserer Gesellschaft. Damit meine ich nicht nur die klassische Befüllung von Regalen in den Supermärkten. Es geht darum, Orientierung zu geben, Transparenz zu schaffen und Zusammenhänge zu erklären.

Theresa SchleicherHandels-Trendforscherin

Und der Handel spielt dabei eine zentrale Rolle. Warum?  

Der Handel ist der Versorger unserer Gesellschaft. Damit meine ich nicht nur die klassische Befüllung von Regalen in den Supermärkten. Es geht darum, Orientierung zu geben, Transparenz zu schaffen und Zusammenhänge zu erklären. Viele Menschen wissen kaum noch, wie Produkte entstehen – wie viel Arbeit hinter Milch, Butter oder Fleisch steckt. Wenn Preiswürdigkeit nur als „billig“ verstanden wird, verlieren wir das Verständnis für die Wertschöpfung. Deshalb glaube ich: Der Point of Sale der Zukunft verkauft nicht nur Produkte – sondern Wissen. Denn gerade am Regal entscheidet sich, ob die Kunden eine bewusste Wahl treffen können.

Was bedeutet das für Unternehmen – auch im Hinblick auf Arbeitsschutz und Verantwortung?

Die Unternehmen müssen Innovation an klaren Parametern ausrichten: Versorgen wir verantwortungsvoll? Arbeiten wir ressourcenschonend? Schaffen wir sichere, gute Arbeitsbedingungen? Denken wir Wertschöpfungsketten ganzheitlich? Ruhe und Fokus sind dabei wichtiger als hektische Innovationsprogramme. Wer sein Zielbild kennt, kann Technologie sinnvoll einsetzen – wer nur auf Krisen reagiert, verliert Orientierung. Für den Handel heißt das: Innovation darf nicht nur Effizienz bedeuten, sondern auch Verantwortung.

Theresa Schleicher gilt als die führende Handels-Zukunftsforscherin in Deutschland. Sie ist Strategie- und Zukunfts-Beraterin für DAX-Konzerne und Handelsunternehmen, sowie für das Bundeswirtschaftsministerium. Zuvor war sie Geschäftsführerin in der Hirschen Group, einer der größten Agentur- und Kreativunternehmen in Deutschland. Seit 2015 veröffentlicht sie den Retail Reports im Zukunftsinstitut und die Zukunftsstudie Handel. Ihre Impulse teilt sie in Sparrings, Beratungsmandaten und in Keynote-Vorträgen. Auf der Fachtagung „Sicherheit und Gesundheit in Handel und Warenlogistik“ in Dresden wird sie am 14. September über das Thema „Next Level Retail – die Handelstrends der kommenden Jahre“ referieren.

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