Fallbeispiel-Person in dieser Gruppenarbeit ist Prothesenträger Markus, selbst angehender Sportcoach.
Datum der Veröffentlichung: Lesezeit: 3 Minuten

Mit Sportcoaches zurück in den Alltag

Um beeinträchtigte Versicherte nach einem schweren Arbeitsunfall oder einer Berufskrankheit wieder in Bewegung zu bringen, setzt die BGHW auf den Einsatz von Sportcoaches. 

Das Wichtigste im Überblick

  • Gemeinsam mit den Partnern der BGW und des Behinderten- und Rehabilitationssportverbands NRW initiierte die BGHW den Zertifikatlehrgang Sportcoaching GUV (Gesetzliche Unfallversicherung).
  • Ziel ist es, Versicherte nach einem schweren Arbeitsunfall oder einer Berufskrankheit nachhaltig in Bewegung zu bringen und ihre Teilhabe zu stärken.
  • Den ersten Lehrgang absolvierten 20 Fachkräfte aus Bewegungstherapie, Rehabilitations-, Behinderten- und Gesundheitssport.
  • Die Sportcoaches können jetzt BG-Versicherte auf ihrem Weg zu mehr Bewegung und sozialer Teilhabe unterstützen. 
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Was Sportcoaches leisten sollen

„Wir bereiten erfahrene Bewegungsprofis darauf vor, Versicherte mit Behinderung individuell zu begleiten. Ziel ist es, die Menschen nach einschneidenden Erlebnissen nachhaltig in Bewegung zu bringen und ihre soziale Teilhabe zu stärken.“ Unter dem Aspekt entwickelten Reha-Fachleute der BGHW, der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) und des Behinderten- und Rehabilitationssportverbands Nordrhein-Westfalen (BRSNW) ein Konzept und initiierten den Zertifikatlehrgang Sportcoaching GUV (Gesetzliche Unfallversicherung). Die Zielgruppe stand schnell fest: Fachkräfte aus Bewegungstherapie, Rehabilitations-, Behinderten- und Gesundheitssport, die im Umgang mit beeinträchtigten Menschen bereits erfahren sind.

 

20 Bewegungsprofis bereiten sich auf ihre Rolle vor

Sieben Personen in Sportkleidung stehen im Halbkreis und schauen auf die am Boden liegende Kamera.

Zum ersten Zertifikatslehrgang treffen sich 20 angehende Sportcoaches in den Räumen des BRSNW im Sportpark Duisburg. Reha-Fachleute der Berufsgenossenschaften, Pädagogen, Therapeutinnen und Therapeuten sowie Übungsleiterinnen, Übungsleiter, Trainerinnen und Trainer aus ganz Deutschland sind angereist, um sich in zweieinhalb Tagen intensiv auf ihre neue Rolle vorzubereiten. Einer von ihnen ist Markus Wilken (56), er ist Prothesenträger. Der ehemalige Betreiber eines Versandhandels war Anfang 2013 im Warenlager unglücklich gestürzt. Was mit einem Sprungbeinbruch begann, endete 2022, nach mehreren Operationen, mit der Amputation des linken Oberschenkels. „Sport ist für mich sehr wichtig“, betont der BGHW-Versicherte, der für den BRSNW die Parasport-Sprechstunde in der BG Klinik Duisburg leitet. „Ich bin im Thema und kenne die Wege und Strukturen. Und da war es für mich eine logische Konsequenz, diesen Zertifikatslehrgang zu machen!“ Wilken war aktiver Rollstuhlbasketballer und ist jetzt als lizenzierter Trainer der Rollstuhlbasketballer des TuS Sternern in Bocholt im Einsatz.

Peter Richarz, ein Sportcoach und Trainer, sitzt an einem Tisch und spricht gestikulierend.

Die Kunst wird sein, die Glut zu finden, um das Feuer für Bewegung zu entfachen!

Seminarleiter Peter Richarz, Referatsleiter Mobilität, Inklusion und Behindertensport an der BG-Klinik Hamburg und Sportcoach im Deutschen Rollstuhl-Sportverband (DRS)

Individuell und mit Fingerspitzengefühl begleiten

Balltraining in einer Sporthalle: Auch ein Prothesenträger und ein Rollstuhlfahrer nehmen teil.
Zu den Lehrgangsteilnehmenden - hier beim Sporttraining - gehört auch Prothesenträger Markus Wilken (vorne), jetzt zertifizierter Sportcoach.

Für ihn und die anderen Teilnehmenden im Sportpark Duisburg stehen Methodentraining, Rollenspiele, zentrale Kompetenzen und fachlicher Input auf dem Programm. Immer wieder geht es in den rund 20 Unterrichtsstunden um Zuhören, Vertrauen, das Wahrnehmen von Ängsten und Grenzen – und darum, Menschen Schritt für Schritt zu motivieren. „Eure Aufgabe ist es, bei den Versicherten das Feuer für Bewegung zu entfachen“, betonen die Seminarleiter Dr. Georg Schick, BRSNW-Referent Qualifizierung, und Peter Richarz, Referatsleiter Mobilität, Inklusion und Behindertensport an der BG-Klinik Hamburg und Sportcoach im Deutschen Rollstuhl-Sportverband (DRS). Ziel sei es, gemeinsam passende Angebote im regionalen Umfeld zu finden, die zu den individuellen Bedürfnissen und Möglichkeiten der Betroffenen passen. „Menschen mit Beeinträchtigung leiden häufig unter erlernter Hilfslosigkeit. ‚Ich kann das nicht‘, das ist eine Einstellung, die viele verinnerlicht haben“, so Schick. „Die Kunst wird sein, die Glut zu finden, um das Feuer für Bewegung zu entfachen“, ergänzt Richarz. „Versteht euch als Motivatoren und Lotsen“, appelliert er an die Teilnehmenden. Den ersten Kontakt zum Sportcoach vermittelt der Reha-Berater oder die Reha-Beraterin der Berufsgenossenschaft. In einem persönlichen Gespräch geht es zunächst darum, Interessen und realistische Möglichkeiten auszuloten. „Wichtig ist dabei vor allem eines: Die Angebote sollten wohnortnah und alltagstauglich sein“, erklärt Richarz. 

Angebote sollen motivieren

Das Arbeiten in Kleingruppen macht deutlich, dass die Vermittlung eines passenden Sportangebots weit mehr ist, als eine organisatorische Aufgabe. Es geht auch darum, mögliche Hürden frühzeitig zu erkennen. „Schon der Weg zum Angebot, die Gegebenheiten vor Ort oder die Intensität der Aktivität können überfordern – und damit schnell zu Frustration führen“, sagt Schick. „Schaut genau, was geht und was nicht. Wo sind die Belastungsgrenzen? Diese sind zusammen mit dem Versicherten individuell auszuloten“, unterstreicht er. Angebote sollen motivieren, nicht abschrecken! Eine wichtige Rolle spielen in dem Zusammenhang die pädagogischen Fähigkeiten der Sportcoaches. Sie sollen Fingerspitzengefühl für die Versicherten entwickeln. Auch, damit die Betroffenen erkennen, wie bedeutend es ist, Bewegung langfristig in ihren Alltag zu integrieren. 

Schaut genau, was geht. Wo sind die Belastungsgrenzen? Diese sind zusammen mit dem Versicherten individuell auszuloten!

Seminarleiter Dr. Georg Schick, Referent Qualifizierung im BRSNW

Gemeinsam neue Wege beschreiten

Das betont auch Trainer Peter Richarz: „Entdeckt die Neigungen und Interessen der Versicherten. Habt Mut und Phantasie, gemeinsam neue Wege zu beschreiten. Eine große Herausforderung wird sein, Geduld zu haben. Seid zufrieden und feiert mit den Versicherten auch erste kleine Schritte“, lautet seine Botschaft. Richarz spricht aus Erfahrung. Der frühere U23-Cheftrainer der Nationalmannschaft im Rollstuhlbasketball (er wurde mit seinem Team zweimal Weltmeister), war bereits von 2018 bis 2022 in einem Modellvorhaben der BGW als Sportcoach tätig. 
Über das Sportcoach-Modellvorhaben, aus dem auch Erkenntnisse in den neuen Lehrgang eingeflossen sind, berichtet Ralf Janello, Fachbereichsleiter Teilhabe und Hauptvertrauensperson der schwerbehinderten Menschen der BGW. Aus diesen Erkenntnissen wurde das Konzept für den gemeinsamen Zertifikatslehrgang von BGHW, BGW zusammen mit dem BRSNW entwickelt. Martin Kögler, BGHW-Referent Reha-Management und Teilhabe, erläutert in Duisburg das Verfahren und die Rahmenbedingungen, unter denen ein Sportcoach als Honorarkraft stundenweise im Monat im Auftrag einer BG im Einsatz sein kann. „Den Einsatz zertifizierter Sportcoaches möchte die BGHW möglichst flächendeckend in Deutschland ausrollen“, betont Kögler. 

Erste Sportcoaches stehen in den Startlöchern

Am Ende des Wochenendes stehen die ersten 20 zertifizierten Sportcoaches GUV fest. Markus Wilken ist begeistert. „Ich habe viel gelernt, auch über Kleinigkeiten“, sagt er. Wichtig findet er, dass deutlich geworden ist, dass es nicht darum geht, die Versicherten zu trainieren. Denn Sportcoaches beraten Menschen individuell und ganzheitlich, suchen wenn nötig, gemeinsam Alternativen.  „Jetzt freue ich mich auf Aufträge, um als Sportcoach aktiv zu werden,“ so Wilken. 
Auch Andreas Thiel, der in der BGHW-Unfallsachbearbeitung tätig ist, möchte mit seinen Erfahrungen als Sportcoach Menschen mit Behinderung in Bewegung bringen. „Das ist genau mein Thema. Auch als ehemaliger Leistungssportler in Schwimmen und Triathlon möchte ich mein Wissen und meine Erfahrungen gerne weitergeben,“ bekräftigt er. Über das vergangene Reha-Forum sei er auf das Thema aufmerksam geworden. Thiel weiter: „Hier schließt sich für mich der Kreis. Jetzt stehe ich als Sportcoach im Raum Hamburg in den Startlöchern.“Der nächste Zertifikatslehrgang Sportcoaching findet vom 26. bis 28. Juni 2026 in Duisburg statt.
 

Interessierte wenden sich an folgende Ansprechpartner

BGHW: Martin Kögler, BGHW-Referent Reha-Management und Teilhabe, E-Mail: m.koegler(at)bghw.de
BGW: Ralf  Janello, Fachbereichsleiter Teilhabe, ralf.janello@bgw-online.de
BRSNW: Dr. Georg Schick, BRSNW-Referent Qualifizierung, E-Mail: schick(at)brsnw.de

Ziele des Sportcoachings (GUV)

Zertifizierte Sportcoaches unterstützen Versicherte dabei, wieder mehr Bewegung in ihren Alltag zu integrieren – und aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Im Mittelpunkt steht eine individuelle, alltagsnahe Begleitung.

Das Sportcoaching umfasst unter anderem:

  • Individuelle Beratung und persönliche Begleitung auf dem Weg zu mehr Bewegung
  • Vernetzung von Reha-Management und Sportanbietern, um passende Angebote zu erschließen
  • Erkennen von Interessen, Bedürfnissen und Potenzialen der Versicherten
  • Vermittlung wohnortnaher Sport- und Bewegungsangebote, die realistisch umsetzbar sind
  • Unterstützung bei Organisation und Zugang zu Vereinen, Netzwerkpartnern und Kursen
  • Gemeinsame Entwicklung maßgeschneiderter Maßnahmen
  • Förderung von Aktivität und Fitness – Schritt für Schritt und im eigenen Tempo 

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