
Von der Lagerkraft zum Lebensberater
Der Sturz von einer Lkw-Laderampe verändert das Leben von Axel Wisgalla schlagartig. Mit 22 Jahren wird er durch einen Arbeitsunfall als Lagerkraft Rollstuhlfahrer.

Trauer macht vor dem Arbeitsplatz nicht halt. Wenn Mitarbeitende einen Verlust erleben oder ein Team mit einem Todesfall konfrontiert wird, geraten Abläufe, Kommunikation und Zusammenarbeit aus dem Gleichgewicht. Führungskräfte stehen dann vor der Herausforderung, menschlich zu reagieren und zugleich den Betrieb aufrechtzuerhalten. Wie Unternehmen mit solchen Situationen umgehen können und warum Vorbereitung dabei entscheidend ist.

Montagmorgen, kurz nach sieben. Im Lager läuft die Frühschicht an, die ersten Paletten werden bewegt, die Scanner piepen. Dann kommt die Teamleitung mit ernstem Gesicht. „Ich habe eine Nachricht“, sagt sie. Ein Kollege ist am Wochenende gestorben. Für einen Moment ist es still. Dann geht die Arbeit weiter. Und das ist das Problem: Trauer unterbricht das persönliche Leben, aber selten den Betrieb.
Trauer galt lange als Privatsache. Doch diese Trennung funktioniert nicht. Menschen bringen ihre Verluste mit zur Arbeit und damit auch ihre Erschöpfung, ihre Unruhe, ihre Gedanken. Daher untersuchen die Arbeitsforscherinnen der Universität Hamburg, Prof. Dr. Dorothea Alewell und ihre wissenschaftliche Mitarbeiterin Elnaz Karamad, seit Januar 2026 genau dieses Thema: „Trauer am Arbeitsplatz“. Ihre Beobachtung: „Trauer ist im Arbeitskontext bislang wenig beachtet, obwohl sie durch den demografischen Wandel und die alternden Belegschaften künftig eher zunehmen dürfte“, sagt Dorothea Alewell. Gleichzeitig bleibe das Thema oft unsichtbar: „Viele Unternehmen behandeln Trauer wie eine klassische Arbeitsunfähigkeit: krankmelden, zurückkommen, weitermachen.“

Dass Trauer häufig als private Angelegenheit verstanden werde, könnte laut den Forscherinnen auch an der Annahme liegen, dass sie mit Schwäche verbunden ist oder die Leistungsfähigkeit beeinträchtigt. „Es herrscht große Hilflosigkeit“, zeigen die Interviews, erläutert Elnaz Karamad. „Führungskräfte wissen oft nicht, wie sie reagieren sollen und vermeiden Gespräche lieber ganz. Unternehmen unterschätzen, wie individuell und dynamisch Trauer verläuft. Viele gehen davon aus, dass Mitarbeitende nach einigen Wochen wieder funktionieren.“ Doch Trauer hängt von Beziehungen, offenen Konflikten und persönlichen Umständen ab und kann lange nachwirken.

Für Anja Gebhardt vom Unternehmen Trauerkulturhoch3 in Bonn kommt eine weitere Perspektive hinzu: „Trauer beginnt oft schon vor einem Todesfall, etwa bei einer schweren Diagnose, durch eine Trennung, in Pflegesituationen oder bei tiefgreifenden Veränderungen im Leben.“ Für Unternehmen bedeutet das: Trauer ist kein klar abgrenzbares Ereignis, sondern ein Prozess. Was sie in der Praxis beobachtet: „Unternehmen scheitern selten am Mitgefühl. Was häufig fehlt, sind klare Strukturen und vorbereitete Führungskräfte, die handlungsfähig bleiben.“ Ohne Orientierung reagieren viele aus dem Bauch heraus – und lassen Betroffene damit oft allein.
Gerade Führungskräfte stehen in einem Spannungsfeld. Sie müssen den Betrieb organisieren und gleichzeitig Menschen begleiten, die aus der Bahn geraten sind. „Führungskräfte sind Multiplikatoren“, sagt Anja Gebhardt. „Sie entscheiden oft mit ihrem ersten Verhalten, ob Betroffene sich gesehen oder allein gelassen fühlen.“ Oft fehlen genau diese Routinen, klare Abläufe und Sicherheit im Umgang mit schwierigen Gesprächen. Trauerkulturhoch3 bietet Schulungen für Führungskräfte an. Dort lernen sie nicht nur Fakten, sondern vor allem Haltung und Sprache. „Am Ende nehmen sie keine Patentlösung mit, sondern etwas viel Wichtigeres: konkrete Worte und mehr Sicherheit, um im Ernstfall nicht aus Unsicherheit zu schweigen“, sagt Anja Gebhardt.
Aus Forschung und Praxis ergibt sich ein klares Bild: Entscheidend ist nicht Perfektion, sondern Vorbereitung. Unternehmen sollten:
Trauer als arbeitsrelevantes Thema anerkennen.
Führungskräfte gezielt sensibilisieren.
Klare Leitfäden und Zuständigkeiten entwickeln.
Flexibilität ermöglichen, statt starre Erwartungen zu setzen.
Qualifizierte Ansprechpersonen benennen.
Begleitende Angebote schaffen.
Gerade aufgrund der Vielschichtigkeit von Trauer gehört sie für Anja Gebhardt ins Betriebliche Gesundheitsmanagement und zwar nicht als Randthema. „Weil Trauer Teil der Realität im Arbeitsleben ist“, sagt sie. „Unternehmen kümmern sich dort selbstverständlich um Themen wie Ernährung, Bewegung oder Suchtprävention. Das ist wichtig. Aber nicht jedes dieser Themen betrifft automatisch jeden Mitarbeitenden. Trauer schon.“ Aus ihrer Beratungstätigkeit weiß sie: Immer mehr Unternehmen möchten das Thema Trauer am Arbeitsplatz präventiv verankern. E-Learnings können ein Baustein sein, um eine ganze Organisation niedrigschwellig zu sensibilisieren. So entsteht ein gemeinsames Verständnis – und damit eine Grundlage für eine gelebte Trauerkultur im Unternehmen. „Am Ende geht es nicht darum, Trauer zu lösen“, sagt Anja Gebhardt. „Es geht darum, Menschen in einer schweren Zeit nicht allein zu lassen und als Organisation handlungsfähig zu bleiben.“ Der Betrieb läuft weiter. Aber wie er weiterläuft, macht den Unterschied.

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