
Mit Sportcoaches zurück in den Alltag
Um beeinträchtigte Versicherte nach einem schweren Arbeitsunfall oder einer Berufskrankheit wieder in Bewegung zu bringen, setzt die BGHW auf den Einsatz von Sportcoaches.

Gabelstapler, die aus der Ferne gesteuert werden – das klingt futuristisch. In der Praxis helfen sie, den Fachkräftemangel dauerhaft abzufedern und Risiken zu reduzieren. Ein Besuch beim Karlsruher Start-up Enabl zeigt, warum der Mensch trotz Automatisierung die zentrale Rolle behält.
In der Halle ist es still. Kein Motorenlärm, kein Hupen, keine hastigen Zurufe. Dann ein leises Surren. Ein Gabelstapler rollt durch den Regalgang, hebt eine Palette an, stoppt kurz und fährt weiter. Kein Mensch sitzt auf dem Stapler. Und doch wird er gesteuert. Präzise. Kontrolliert. Sicher. Sein Fahrer: Nick Albrecht. Er sitzt wenige Meter entfernt an seinem Steuerstand: Lenkrad, Pedale, mehrere Monitore. Kamerabilder zeigen die Umgebung aus verschiedenen Perspektiven – nach vorn, nach hinten, nach oben. Der Arbeitsplatz erinnert an einen Flugsimulator. Was hier geprobt und getestet wird, ist die Remote-Steuerung von Gabelstaplern, entwickelt vom Karlsruher Start-up Enabl.
Was wie Science-Fiction wirkt, ist eine hochaktuelle Anwendung in der Logistik und eine Antwort auf ein strukturelles Problem. In vielen Lagern fehlen Fachkräfte nicht nur kurzfristig, sondern dauerhaft. Der demografische Wandel beschleunigt diese Entwicklung. Erfahrene Fahrer gehen in Rente, Nachwuchs bleibt aus. Der Mangel ist nicht saisonal, sondern systemisch. „Wir verstehen uns dewegen auch nicht als Überbrückungslösung“, sagt Mitgründer Johannes Schantz. „Der Fachkräftemangel ist langfristig. Unsere Technologie ist es auch. Sie sorgt dafür, dass die Prozesse weiterlaufen.“
Statt einen Staplerfahrer in der Halle ersetzen zu müssen, schaltet sich ein Remote-Fahrer auf das Fahrzeug. Und der sitzt in der Regel im Remote Center von Enabl im bulgarischen Burgas – mehr als 2.000 Kilometer entfernt von deutschen Logistikstandorten. Diese Distanz ist technisch überbrückbar. Die räumliche Trennung von Einsatzort und Fahrer ist der eigentliche Kern des Konzepts, weil es eine neue Form der Flexibilität ermöglicht: Der Stapler bleibt einsatzbereit, ohne dass Beschäftigte aus einer anderen Tätigkeit abgezogen oder unter Zeitdruck eingesetzt werden müssen. Gleichzeitig entstehen neue Arbeitsplätze an zentralen Remote-Standorten. Die Logistik wird standortunabhängiger.
Enabl versteht sich als eine Automation Company, für die ferngesteuerte Gabelstapler nur ein Übergang sind. Die Vision lautet: Automatisierung plus maschinelles Lernen – gespeist aus realen Daten der Teleoperation. Jeder Eingriff des Fahrers liefert dafür Trainingsdaten. Prozesse, die heute noch manuell angestoßen werden, sind häufig bereits teilautomatisiert. Wenn der Stapler eine Palette absetzt, geschieht das oft per Tastendruck, unterstützt durch Assistenzfunktionen. Teleoperation wird damit zum Lernraum für die Automatisierung – in einer realen, aber kontrollierten Umgebung, die Mensch und Maschine intelligent verbindet.
Die technische Grundlage ist ein serienmäßiger Gabelstapler, der umgerüstet und mit Kameras, Sensoren, Rechner sowie einer Sicherheitssteuerung ausgestattet wird. Über eine dauerhafte Datenverbindung ist das Fahrzeug mit einem Remote-Arbeitsplatz verbunden und kann so aus einer Entfernung von mehreren Hundert Kilometern gesteuert werden – entweder aus Karlsruhe oder aus Bulgarien. In Kundengesprächen taucht eine Frage besonders häufig auf: Was passiert, wenn die Verbindung abbricht? „Unsere Fahrzeuge sind so ausgelegt, dass sie bei jeder Unterbrechung – egal ob Mensch, Software oder Netzwerk – sofort sicher stehen bleiben“, sagt Nik Schmidt, zuständig für Netzwerk und IT-Security. Sicherheit ist kein Zusatz, sondern integraler Bestandteil des Systems. Die Safety-Architektur arbeitet unabhängig von der Steuerung. Vor jedem Ersteinsatz werden Halle, Verkehrswege und Prozesse analysiert. Gefährdungsbeurteilungen werden erstellt, Rollen definiert: Wer gibt das Fahrzeug frei? Wer darf sich im Arbeitsbereich aufhalten? Wie wird kommuniziert? Beim Praxistest mit DB Schenker steuern Fahrer aus dem Remote Center in Bulgarien Fahrzeuge im laufenden Betrieb
Alle Fahrzeuge sind mit einer zertifizierten Safety-Sensorik ausgestattet. Sie arbeitet unabhängig von der Fernsteuerung. Sobald das System eine Gefahr erkennt, greift es ein – unabhängig davon, was der Fahrer gerade tut. „Das Fahrzeug ist immer abgesichert. Egal, ob der Fahrer einen Fehler macht oder ein Sensor ausfällt“, erklärt Andreas Weber, zuständig für die Produktsicherheit. „Das entspricht der Maschinenrichtlinie. Es ist also kein Add-On, sondern Teil des Systems.“ Dazu gehört auch eine Gefährdungsbeurteilung: Vor jedem Ersteinsatz bei einem neuen Kunden werden Halle, Verkehrswege und Prozesse analysiert. Gemeinsam mit dem Kunden werden Rollen definiert: Wer gibt das Fahrzeug frei? Wer darf sich im Arbeitsbereich aufhalten? Wie wird kommuniziert, wenn Mensch und Fahrzeug sich begegnen? Wie das funktioniert, zeigt der Praxistest bei DB Schenker. Dort steuern Remote-Fahrer die Stapler aus der Ferne. Engpässe lassen sich flexibel überbrücken, ohne dass jemand durch die Halle laufen oder kurzfristig einspringen muss.
Ein wichtiger Ansatz von Enabl ist, dass der Mensch im Zentrum bleibt. Daher setzt man bewusst nicht auf vollautonome, sondern auf ferngesteuerte Fahrzeuge mit zunehmender Automatisierung. Aber auch das verändert die Bedingungen für die Fahrer positiv: keine Vibrationen, kein Lärm, keine ständigen Blicke über die Schulter, stattdessen arbeiten sie an ergonomischen Arbeitsplätzen in klimatisierten Räumen. Doch die ergonomischen Vorteile sind eher Nebenprodukt als Hauptargument. Entscheidend ist für Enabl die strategische Stabilisierung von Prozessen.
Eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung der ferngesteuerten Gabelstapler spielte die Zusammenarbeit mit der BGHW. „Wir brauchen Partner, die sagen: Lasst uns Lösungen finden – nicht nur Grenzen“, sagt Sicherheitsexperte Andreas Weber von Enabl. „Arbeitsschutz darf kein Bremsklotz sein. Er muss Innovation möglich machen.“ Normen, Maschinenrichtlinie, Gefährdungsbeurteilungen – vieles war Neuland, weil es diese Form der ferngesteuerten Arbeit so noch nicht gab. Die BGHW war immer ansprechbar, wenn Fragen auftauchten. Wie gut das funktioniert hat, zeigt der Blick in die Testhalle: Der Stapler setzt die Palette ab. Der Fahrer korrigiert minimal, ein kurzer Blick auf den Monitor, dann rollt das Fahrzeug weiter. Still. Kontrolliert. Sicher.
…an Raphael Kowollik, Referent für Elektro- und Automatisierungstechnik bei der BGHW.
Der Experte der BGHW erklärt die Vor- und Nachteile von ferngesteuerten Gabelstaplern.
Raphael Kowollik: Der offensichtlichste Vorteil sind die Umgebungsbedingungen. Remote-Fahrer arbeiten in einer klimatisch geregelten Umgebung mit konstanter Temperatur. Sie sind nicht mehr Lärm, Vibrationen oder Witterung ausgesetzt. Das reduziert körperliche Belastungen deutlich – insbesondere für Rücken, Nacken und Gelenke. Langfristig kann das die Gesundheit stabilisieren.
Ein Remote-Arbeitsplatz ist im Kern Bildschirmarbeit – allerdings mit hoher Konzentrationsanforderung. Wenn Sitz, Tisch oder Steuerelemente nicht individuell einstellbar sind, entstehen schnell Fehlhaltungen. Das führt nicht nur zu körperlichen Beschwerden, sondern kann auch die Aufmerksamkeit beeinträchtigen. Hinzu kommt die mentale Belastung. Remote-Fahrer müssen dauerhaft mehrere Bildschirme im Blick behalten. Werden zu viele Informationen dargestellt, steigt die Reizdichte. Eine überladene Anzeige kann die kognitive Beanspruchung unnötig erhöhen.
Ein Remote-Arbeitsplatz muss sich an den Menschen anpassen – nicht umgekehrt. Sitz, Tisch, Monitore und Bedienelemente müssen individuell einstellbar sein, damit keine Zwangshaltungen entstehen. Entscheidend ist außerdem eine ruhige, blendfreie Umgebung ohne visuelle Ablenkung.Ebenso wichtig ist die Software: Nur die wirklich relevanten Informationen sollten angezeigt werden. Je klarer und strukturierter die Darstellung, desto geringer die mentale Belastung. Ergonomie umfasst deshalb sowohl Möbel als auch Technik und Arbeitsorganisation.
Regelmäßige, kurze Bewegungspausen sind essenziell. Schon kleine Positionswechsel entlasten Rücken und Schultern. Wenn möglich, sollte ein Tätigkeitswechsel eingeplant werden. Für die Augen gilt: regelmäßig in die Ferne schauen. Dauerhaftes Fokussieren auf die Bildschirmebene beansprucht die Augen stark und führt schnell zu Ermüdung.
Das Start-up wurde 2021 von den Studenten Pedro Henrique Romano de Carvalho, Johannes Schantz, Nik Schmidt, Julian Jacob gemeinsam mit ihrem damaligen Teamleiter bei Schäffler, Philipp Kautzmann, gegründet.
Mitarbeitende: 30
Standort: Karlsruhe
Produkte: Systeme zur Automatisierung und Remote-Steuerung von Gabelstaplern

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