Von der harmlosen Situation zum Konflikt
Ein paar Beispiele? Ein Kollege aus der Getränkeabteilung beobachtet ein Mädchen, das eine Flasche aus dem Regal nimmt, daraus trinkt und sie wieder zurückstellt. Er spricht sie darauf an und macht ihr klar, dass dies Diebstahl sei. Der Vater des Mädchens stimmt ihm zunächst zu. Als das Mädchen anfängt zu weinen, wendet sich das Gespräch, der Vater wird laut und erwartet vom Mitarbeiter eine Entschuldigung bei seiner Tochter. Szenenwechsel: Eine Kassiererin sieht bei einem Kunden im Wagen eine Sprühflasche mit ausländischer Aufschrift, die sie nicht zuordnen kann, und fragt, ob das sein Eigentum sei. Daraufhin zückt dieser die Flasche und sprüht ihr kommentarlos ins Gesicht. Diese Beispiele zeigen, welch aggressives Verhalten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Einzelhandel aushalten müssen. König Kunde glaubt scheinbar, sich alles erlauben zu können.
Verbale Gewalt im Einzelhandel
Das kennt auch Martin Wuttke von der BGHW, seit vielen Jahren Aufsichtsperson für den Bereich Prävention in der Region Berlin: „Die verbale Gewalt, die auch ins Handgreifliche kippen kann, belastet unsere Mitgliedsbetriebe, vor allem unsere Versicherten, die täglich Kundenkontakt haben. Sie hängt auch mit dem gesellschaftlichen Wandel, mit der Digitalisierung und Individualisierung zusammen. Die Kunden erleben beim Onlinehändler, dass ihre Reklamationen in Nullkommanichts erledigt werden, ohne großes Nachfragen. Das erwarten sie dann auch vom Präsenzhandel.“ Gerade Reklamationen erfordern dort richtige Emotionsarbeit, so Wuttke. „Wenn Kunden etwas reklamieren, haben sie ein Problem und sind grundsätzlich schon ganz anders drauf. Damit müssen Beschäftigte umgehen können.“