
Wir bringen Maschinen gerade bei, die Welt zu verstehen
Roboter, die nicht nur sehen, sondern verstehen. KI-Systeme, die neue Chancen, aber auch Risiken schaffen. Ein Gespräch mit dem Logistik-Experten Prof. Dr. Kai Furmans.

Neue Technologien verändern den Handel rasant und stellen den Arbeitsschutz vor neue Fragen. Nicolai Buchholz und Jacqueline Riedel erleben bei Edeka diese Veränderungen aus verschiedenen Blickwinkeln. Der eine ist verantwortlich für Arbeitssicherheit und Datenschutz, die andere ist Verkäuferin und Kassiererin. Was ist ihre Sicht auf die neuen Technologien? Machen sie die Arbeit sicher und gesünder? Ein Interview, ein Kommentar, zwei Meinungen.
Nicolai Buchholz: Die Dynamik ist enorm. Gerade rund um Self-Checkout-Kassen und digitale Systeme sehen wir viele neue Lösungen – oft unter dem Label „KI“. Für mich ist entscheidend: Was bedeutet das konkret für die Menschen im Markt? Sie müssen mit der Technologie sicher und gesund arbeiten.
Wir bei Edeka haben beispielsweise SB-Kassen, die Videodaten mit den gescannten Artikeln abgleichen. Wenn etwa zwei Produkte im Bild erscheinen, aber nur eins gescannt wurde, erkennt das System eine Abweichung. Dann reagiert es – etwa durch einen Hinweis an den Kunden oder indem Mitarbeitende hinzugezogen werden. Technisch funktioniert das gut. Aber aus Arbeitsschutzsicht entsteht ein neues Risiko: mehr Konfliktsituationen. Mitarbeitende müssen häufiger eingreifen und Gespräche mit Kundinnen und Kunden führen. Das erhöht den psychischen Druck.
Genau. Die Technik kann sogar eine zusätzliche Belastung erzeugen. Wenn Scansysteme sehr sensibel eingestellt sind, werden Mitarbeitende ständig gerufen. Das führt zu Unterbrechungen, Stress und im Zweifel auch zu unangenehmen Kundengesprächen.
Drei Punkte sind aus meiner Sicht zentral: Erstens: Unternehmen sollten Mitarbeitende früh in die Testphase einbinden. Dann erleben diese direkt, wie sich die Technik im Alltag auswirkt. Zweitens: Schulung und Vorbereitung. Mitarbeitende müssen wissen, was auf sie zukommt und wie sie mit Konflikten umgehen. Drittens: Systeme müssen klug eingestellt werden. Es macht einen großen Unterschied, ob sofort ein Alarm ausgelöst wird oder ob der Kunde erst einmal selbst nachbessern kann. Das alles ist klassische Präventionsarbeit – nur in einem neuen Kontext.
Absolut. Diese Systeme reduzieren typische Reibungspunkte. Kunden können ihr Alter selbst verifizieren, ohne dass Mitarbeitende eingreifen müssen. Das spart Zeit und vermeidet Konflikte. Aus Arbeitsschutzsicht ist das klar positiv: weniger Stress, weniger Unterbrechungen, weniger direkte Konfrontation.
Häufig wird angenommen, dass mit SB-Kassen Personal eingespart werden kann. Diese Aussage ist zu pauschal. Self-Checkout funktioniert nur gut, wenn ausreichend Personal zur Betreuung vorhanden ist. Idealerweise gibt es eine Person, die sich gezielt um diese Kassen kümmert. Wenn Mitarbeitende das nebenbei machen müssen, steigt die Belastung deutlich.
Ich bin noch relativ neu dabei, sehe aber großes Potenzial. Gerade das Thema „Konflikte mit Kunden“ ist aus meiner Sicht zentral und wird durch neue Technologien noch relevanter. Die BGHW bietet dazu bereits Schulungen an, und das Feedback ist sehr positiv. Solche Angebote lassen sich gut erweitern – etwa um den Umgang mit digitalen Systemen oder KI-gestützten Prozessen. Hier kann die Selbstverwaltung Impulse setzen und praxisnahe Unterstützung für die Betriebe entwickeln.
Jacqueline Riedel arbeitet als Verkäuferin und Kassiererin bei der Edeka Foodservice in Weimar. Sie ist ebenfalls Mitglied der BGHW-Selbstverwaltung und vertritt die Interessen der Versichertenseite. Ihre Einschätzung zu SB-Kassen mit Blick auf den Arbeitsschutz:
„Ich arbeite selbst noch an einer klassischen Kasse und habe mit Self-Checkout-Systemen im Arbeitsalltag keine direkten Erfahrungen. Aber natürlich verfolgen wir solche Entwicklungen sehr genau und sprechen auch im Kollegenkreis darüber.
Was ich aus Gesprächen mitnehme: Diese Systeme können durchaus entlasten, etwa wenn weniger Routineaufgaben anfallen oder Stoßzeiten besser abgefedert werden. Gleichzeitig verändern sie aber die Arbeit spürbar. Der direkte Kontakt mit Kundinnen und Kunden wird anders und teilweise auch anspruchsvoller. Gerade wenn Technik eingreift und zum Beispiel Unstimmigkeiten meldet, stehen am Ende immer Beschäftigte da, die die Situation klären müssen. Das kann zusätzlichen Druck erzeugen.
Deshalb ist es aus meiner Sicht wichtig, dass die Kolleginnen und Kollegen gut vorbereitet werden – nicht nur technisch, sondern auch im Umgang mit schwierigen Situationen. Entscheidend finde ich, dass die Beschäftigten frühzeitig einbezogen werden. Sie wissen am besten, wie die Abläufe im Markt funktionieren und wo es im Alltag hakt. Wenn ihre Erfahrungen ernst genommen werden, können solche Systeme auch sinnvoll eingesetzt werden.
Diese Aspekte möchte ich auch in meine ehrenamtliche Arbeit in der BGHW-Selbstverwaltung einbringen. Denn aus unserer Sicht der Versicherten geht es letztlich darum, dass neue Technologien die Arbeit wirklich erleichtern und nicht zusätzliche Belastungen schaffen. Arbeitsschutz bedeutet für mich, genau hinzuschauen: Was verändert sich konkret für die Menschen im Markt? Und was brauchen sie, um sicher und gesund arbeiten zu können?“

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