
Wir bringen Maschinen gerade bei, die Welt zu verstehen
Roboter, die nicht nur sehen, sondern verstehen. KI-Systeme, die neue Chancen, aber auch Risiken schaffen. Ein Gespräch mit dem Logistik-Experten Prof. Dr. Kai Furmans.

KI hält Einzug in die Unternehmen und verändert unsere Arbeit und Verantwortung. Was Unternehmen jetzt wissen und beachten sollten, gerade mit Blick auf psychische Belastung. Ein Gespräch mit Arbeitspsychologin Dr. Marlen Cosmar.
Dr. Marlen Cosmar: Das liegt zum Beispiel daran, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eher indirekte Rückmeldungen geben, etwa indem sie neue Tools ablehnen oder sich durch sie verunsichert fühlen. Das wird dann schnell als Technik-Skepsis abgetan und nicht als Hinweis auf eine mögliche Belastung gesehen. Unternehmen unterschätzen schnell, dass jede neue Technologie auch Arbeitsorganisation, Rollen und Verantwortungen verändert und in Arbeit und Zusammenarbeit eingreift. KI wird häufig dann als reines Effizienztool verstanden, was dazu führt, dass KI-Anwendungen schlecht erklärt oder unzureichend eingeführt werden.
Ein zentrales Thema ist der Verlust von Handlungsspielräumen. Beschäftigte wechseln von aktiven Tätigkeiten in die Überwachungsrolle und greifen nur noch ein, wenn etwas nicht funktioniert – dann aber auf hohem kognitiven Niveau und unter Zeitdruck. Hinzukommt, dass Prozesse unter Umständen nicht mehr vollständig sind. Fehlen einzelne Punkte oder werden intransparent, fühlen sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unsicher. Eine weitere psychische Belastung können Monotonie und Dequalifizierung sein. Ein weiterer Punkt ist kognitive Überlastung: KI liefert immer mehr Informationen und Entscheidungsvorschläge, ohne dass Beschäftigte Zeit haben, diese selbst einzuordnen. Das erhöht ihre mentale Beanspruchung und Fehleranfälligkeit.
Ja – etwa beim algorithmischen Management. In solchen Systemen übernehmen Algorithmen Führungsfunktionen: Sie verteilen Aufgaben, bewerten Leistungen, steuern Pausen. Beschäftigte haben keine menschliche Ansprechperson mehr, sondern interagieren nur noch mit einem System. Die DGUV fördert derzeit beispielsweise ein Forschungsprojekt mit Lieferdiensten. Die KI berechnet den effizientesten Lieferweg et cetera. Die Kuriere sind nur noch mit dem Gerät in Kontakt. Das kann zu sozialer Isolation, Kontrollverlust und permanentem Rechtfertigungsdruck führen. Besonders problematisch ist, wenn Pausen, Wege oder Arbeitsrhythmen vollständig getrackt werden und Autonomie verloren geht.
Vertrauen entsteht, wenn Beschäftigte früh eingebunden werden – idealerweise schon bei der Auswahl und Einführung von KI-Systemen. Entscheidend ist Transparenz: Warum trifft die KI welche Entscheidung? Welche Kriterien werden genutzt? Was bleibt in menschlicher Verantwortung? Bei der Schulung der Mitarbeitenden ist entscheidend, dass die Führungskraft auf die individuellen Bedürfnisse achtet.
Nein – aber sie muss konsequent angewendet werden. Die bereits vorhandenen sechs Gestaltungsbereiche – Arbeitsinhalte, -organisation, -mittel, -umgebung, -zeit und soziale Beziehungen – reichen aus, um eine KI-bedingte Belastung zu erfassen. Wichtig ist, dass KI explizit mitgedacht wird: Wo verändert sie Arbeitsinhalte? Wo verschiebt sie Verantwortung? Wo entsteht eine neue Belastung oder Ressource? Dafür braucht es Dialogformate, Workshops und Befragungen, aber keine zusätzliche Sonder-Checkliste „KI“.
Die Gefährdungsbeurteilung (GBU) bietet die Grundlage dafür, auch beim Einsatz von KI weiterhin sicher und gesund zu arbeiten. Mögliche Fragen für die GBU:
Gibt es einen größeren Arbeitsdruck, oder entlastet die KI von anstrengenden Aufgaben?
Bietet die KI einen guten Informationsservice, oder gängelt sie bei der Arbeit?
Sind Qualifikationen entwertet, oder sind die fachlichen Anforderungen gestiegen?
Werden die Beschäftigten bei der Umstellung unterstützt?
Verändert sich der Teamgeist durch den KI-Einsatz?
Gibt es noch genügend soziale Kontakte?

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