Das Bild zeigt die Gabelstaplerfahrer Marius Szoltysik (links) und Wilat Binnewies im Gespräch
Datum der Veröffentlichung: Lesezeit: 5 Minuten

Unsichtbarer Schutzschild

In einer Lagerhalle von Schnellecke Logistics in Hannover zeigt sich, wie moderne Arbeitssicherheit aussehen kann: Mithilfe von KI‑gestützten Kameras wird in Situationen eingegriffen, bevor es gefährlich wird. Das System verändert den Alltag von Beschäftigten ebenso wie die Sicherheit. Besuch an einem Ort, an dem die Zukunft des Arbeitsschutzes bereits begonnen hat.

Das Wichtigste im Überblick

  • Ein kamerabasiertes System erkennt bei Schnellecke Logistics in Hannover kritische Situationen in Echtzeit und greift automatisch ein – vom Abbremsen der Stapler bis zur sicheren Torsteuerung.
  • Mehr als 160 Sensor‑Kameras erzeugen einen digitalen Zwilling der Halle. Dieser macht Bewegungsmuster sichtbar, ohne Personen zu identifizieren.
  • Das System bietet mehr Sicherheit im Arbeitsalltag: Die Beschäftigten profitieren von weniger Beinahe‑Unfällen, besserer Orientierung an Engstellen und stabileren Abläufen.
  • Außerdem werden Laufwege, Torverstöße und Engstellen erstmals messbar – das ermöglicht faktenbasierte Gespräche und kontinuierliche Verbesserungen im Arbeitsschutz.
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Arbeitsschutz auf einem neuen Niveau

Das Bild zeigt einen Gabelstapler vor einem Tor, das sich öffnet.
Wilat Binnewies fährt in seinem Gabelstapler vor Tor 8: Als er sich nähert, erkennt das System die Fahrtrichtung, prüft, ob das Tor geschlossen ist, und öffnet es.

Zwischen meterhohen Stapeln grauer Boxen taucht Wilat Binnewies in seinem orangefarbenen Gabelstapler auf. Er rollt zügig durch die breite Gasse der Lagerhalle. Über ihm: die stählerne Decke, dicht bestückt mit Technik – Dutzende Kameras, exakt ausgerichtet, als gehörten sie schon immer zu diesem Ort. Vor ihm: Tor 8. Gleich öffnet es sich automatisch, genau in dem Moment, in dem der Leitstandleiter darauf zufährt. Ein orchestrierter Ablauf, der wirkt, als hätte er sich seit Jahren eingespielt. Dabei ist das System erst seit Kurzem in Betrieb.

Schnellecke Logistics in Hannover hat eine komplette Halle mit KI‑basierten Sensoren ausgestattet – und damit den Arbeitsschutz auf ein neues Niveau zu gehoben. Der Partner dafür ist Sentics – ein junges Startup aus Wolfsburg, das eine klare Mission hat. „Wir wollten ein System bauen, das nicht nur analysiert, sondern aktiv Unfälle verhindert“, sagt Dr. Michael Demes, Gründer von Sentics. Er nennt es Physical AI – eine KI, die nicht nur Daten in einer virtuellen Umgebung verarbeitet, sondern die reale Welt versteht und direkt beeinflusst.

KI-basierte Kameras erkennen Bewegungen in Echtzeit und identifizieren potenziell gefährliche Situationen.

Mensch und Maschine teilen denselben Raum

Bild zeigt die Vorschau für die Reportage Arbeitsschutz mit KI – Unsichtbarer Schutzschild

Der Alltag in der Logistik kennt keine Pausen: eintreffende Lkw, Zeitdruck, enge Fahrwege, ständig wechselnde Situationen. „Gerade in solchen Umgebungen ist das Risiko einer gefährlichen Interaktion sehr hoch“, sagt Philipp Unger, Head of Group Sustainability/HSE bei Schnellecke. „Je schneller es gehen muss, desto eher passiert etwas Unüberlegtes.“ Genau hier setzt Sentics an. Mehr als 160 Kameras erfassen jeden Quadratmeter der Halle – allerdings nicht als Überwachungsinstrument, sondern als Sensoren. Sie erzeugen einen digitalen Zwilling: Menschen, Gabelstapler, Paletten, Lkw erscheinen darin nur als abstrakte Punkte und Symbole. „Wir sehen keine Personen“, betont Unger. „Wir sehen kritische beziehungsweise gefährliche Bewegungen. Wir sehen Muster. Wir sehen Risiken.“ 

Der Moment, in dem die KI bremst

Zurück zu Wilat Binnewies in seinem Gabelstapler vor Tor 8: Als er sich nähert, erkennt das System die Fahrtrichtung, prüft, ob das Tor geschlossen ist – und öffnet es nur dann, wenn er wirklich hindurchfahren soll. Es verhindert gleichzeitig, dass das Tor unnötig öffnet oder dass ein Gabelstapler ungebremst auf ein Hindernis zufährt. „Andere Systeme bremsen einfach nur ab, Punkt“, erklärt Benedikt Gillmann, Head of Group Automation bei Schnellecke. „Jetzt entscheidet das KI-basierte System: Fährt der Stapler wirklich aufs Tor zu? Gibt es Gegenverkehr? Wie hoch ist die Dynamik? Diese Differenzierung macht einen enormen Unterschied.“ Für Mitarbeiter wie Marius Szoltysik bedeutet das: weniger abruptes Bremsen, weniger Belastung, weniger Schäden – und vor allem mehr Sicherheit. „Das ist wirklich super hilfreich“, sagt der erfahrene Gabelstaplerfahrer. „Du musst zum Beispiel nicht mehr an den toten Winkel denken.“ 

Gillmann erinnert sich noch gut an die Zeit vor der Einführung des Systems. „Wir hatten Bereiche, in denen wir die Menschen nicht vollständig von den Maschinen trennen konnten – Ladungssicherung zum Beispiel. Es ist unmöglich, jeden Prozess durch Barrieren zu lösen.“ Unterweisungen helfen, klar. „Aber so viel Unterweisung kannst du gar nicht machen“, sagt er. „Am Ende brauchst du Daten.“

Das Bild zeigt Philipp Unger, Head of Group Sustainability/HSE bei Schnellecke

Das System ist ein Game Changer. Es zeigt uns Dinge, die wir vorher schlicht nicht gesehen haben.

Philipp UngerGlobal HSE‑Manager bei Schnellecke Logistics

Daten machen Verhalten sichtbar

Das Bild zeigt Dr. Michael Demes im Gespräch mit Gabelstaplerfahrer Marius Szoltysik.
Dr. Michael Demes im Gespräch mit Gabelstaplerfahrer Marius Szoltysik.

Und diese Daten zeigen Überraschendes. Etwa wie oft Mitarbeitende durch die Staplertore laufen, obwohl das Regelwerk etwas anderes vorsieht. „Wir waren baff“, erzählt Gillmann. „Es waren viel mehr als gedacht. Erst die KI hat uns gezeigt, wie groß das Thema wirklich ist.“ Doch statt Verbote auszusprechen, setzt Schnellecke auf Lernprozesse: Ein Tor pro Woche wird gemeinsam beobachtet. Die Kennzahlen fließen in die Schichtmeetings ein. Es entsteht eine Kultur, in der Sicherheit sichtbar wird. Nicht als Kontrolle, sondern als Orientierung. „Man kann nie bei allen das gleiche Sicherheitsbewusstsein erwarten“, sagt Unger. „Aber mit Sentics können wir gezielt ansprechen, was uns aufgefallen ist – und zwar faktenbasiert. Das ist ein riesiger Unterschied.“ Statt nur zu vermuten, wo Risiken entstehen, bilden Heatmaps und Ereigniszähler jetzt die Realität ab. Wann häufen sich unsichere Situationen? Wo entstehen Engstellen? Welche Bereiche benötigen bauliche Anpassungen? Die KI verschiebt auch die Kommunikation im Arbeitsschutz.

Das System verändert Logistik und Halle

Die KI hilft aber nicht nur beim Arbeitsschutz. Sie dokumentiert automatisch auch die Lkw‑Prozesse: Wann ein Fahrzeug ankommt, wann die Plane geöffnet wird, wie lange der Umschlag dauert. „Das ist für uns sehr relevant“, erklärt Gillmann. „Früher musste ein Disponent alles händisch eintragen. Und natürlich passieren dabei Fehler. Jetzt passiert das vollautomatisch.“ Demes zeigt in seinem Dashboard, wie klar diese Abläufe erkennbar sind: „Wir sehen Bewegungsdaten in Echtzeit. Das ist wie Google Maps für die Halle.“ Manche Kunden nutzen das bereits für Routenoptimierung, andere prüfen automatisch Ladungssicherung oder die Anzahl der angelieferten Behälter.

Mithilfe der KI hat Schnellecke viele Dinge verändert: neue Spiegel, angepasste Laufwege, zusätzliche Schutzzonen. Teilweise wurde sogar das Lager verändert und  umgestaltet. Und alles basierend auf Daten. „Für uns ist Sentics ein Game Changer“, sagt Unger. „Das System zeigt uns Dinge, die wir vorher schlicht nicht gesehen haben.“ Und es hilft, sie dauerhaft zu verbessern – nicht einmal jährlich bei einer Begehung, sondern täglich, im echten Betrieb.

Wo KI im Arbeitsschutz hilft

Frühzeitiges Erkennen von Gefahrensituationen: Die KI analysiert Bewegungen in Echtzeit, identifiziert Personen, Fahrzeuge und Hindernisse und erkennt potenziell gefährliche Situationen, bevor sie entstehen. Sie schafft damit eine Grundlage für präventives Handeln im laufenden Betrieb.

Automatisches Abbremsen von Gabelstaplern: Nähert sich ein Gabelstapler einer Person oder einem anderen Fahrzeug zu stark, reduziert das System automatisch die Geschwindigkeit. Das verhindert riskante Annäherungen und reduziert die Wahrscheinlichkeit von Kollisionen.

Warnsysteme an unübersichtlichen Kreuzungen: Die KI setzt Lichtsignale oder akustische Warnungen ein, wenn sich Fahrzeuge kreuzen oder wenn sich Menschen in gefährlichen Zonen bewegen. So wird die Orientierung verbessert und das Risiko von Zusammenstößen sinkt.

Sichere Tordurchfahrten: Das System erkennt, ob ein Tor vollständig geöffnet ist, ob sich Personen dahinter befinden und ob ein Stapler wirklich hindurchfahren möchte. Dadurch lassen sich Torbeschädigungen und Gefährdungen erheblich reduzieren – ein Problem, das in vielen Logistikhallen häufig vorkommt.

Unterstützung von Verhaltensanalysen und Schulungen: Durch Kennzahlen zu Torverstößen, Laufwegen oder Schutzwestennutzung wird sichtbar, wo Mitarbeitende Risiken eingehen. Diese Daten helfen Verantwortlichen im Arbeitsschutz, gezielte Unterweisungen durchzuführen und bauliche oder organisatorische Maßnahmen einzuleiten.

Dokumentation sicherheitsrelevanter Prozesse: Beim Be- und Entladen von Lkw dokumentiert die KI automatisch Zeitpunkte, Abläufe und sicherheitskritische Schritte wie das Öffnen der Plane oder das Positionieren von Ladungsträgern. Das sorgt für Nachweisbarkeit, Qualität und verhindert Fehler.

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Die nächsten Schritte

Der Standort Hannover ist der erste, der nahezu die gesamte Halle mit dem System abdeckt. Wolfsburg und Nordwalde sind bereits nachgezogen, Mexiko soll folgen. Die Richtung bei Schnellecke Logistics ist klar: globale Skalierung. Sentics-Gründer Michael Demes sieht sogar noch mehr Potenzial: ergonomische Analysen, Bewegungsprofile zur Vermeidung von Überlastungen, automatisierte Prozessentscheidungen. „Die Entwicklung geht rasend schnell“, sagt er. „Aber eines bleibt: Am Ende geht es darum, Menschen zu schützen.“ In der Halle rollt der nächste Stapler an Tor 8. Das Tor öffnet sich exakt im richtigen Moment. Die KI arbeitet längst im Hintergrund weiter – leise, unsichtbar, wachsam. Ein Schutzschild, der keiner sein will, aber jeden Tag das Arbeiten leichter und sicherer macht.

Auf einen Blick: Sentics

Das Technologie‑Startup Sentics ist auf KI‑basierte Sicherheitslösungen für logistische Umgebungen spezialisiert. Mit seiner Physical‑AI‑Plattform unterstützt Sentics Unternehmen dabei, Arbeitsschutz, Effizienz und Prozessqualität gleichzeitig zu verbessern. Gründer des Unternehmens ist Dr. Michael Demes.

Mitarbeitende: 56

Standort: Wolfsburg

Produkte: kamerabasierte Systeme, die Gefahren in Echtzeit erkennen, digitale Zwillinge von Hallen erzeugen und aktiv in Prozesse eingreifen, um Unfälle zu verhindern.

Das Bild zeigt Dr. Michael Demes, Gründer von Sentics

Auf einen Blick: Schnellecke Logistics

Schnellecke Logistics ist Teil der weltweit tätigen Schnellecke Group, einem Familienunternehmen, das seit 1939 maßgeschneiderte Logistik‑ und Supply‑Chain‑Lösungen für die Automobilindustrie und andere Branchen entwickelt.

Mitarbeitende: bis zu 20.000 Mitarbeitende weltweit

Standorte: Wolfsburg (Hauptsitz) sowie an 70 weiteren Standorten weltweit, darunter Mexiko, USA, China, Indien, Südafrika, Spanien, Italien und Polen. 

Produkte: Das Leistungsportfolio umfasst die gesamte Logistikkette – vom Warehousing über Produktionsversorgung bis zur Transportlogistik

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