Ein orangefarbener Basketball wird auf auf der Zinke eines Gabelstaplers geführt.
Datum der Veröffentlichung: Lesezeit: 3 Minuten

Joint rauchen und Stapler fahren?

Welchen Einfluss hat Cannabiskonsum auf die Sicherheit bei der Arbeit in Handel und Warenlogistik? Ist ein Gabelstaplerfahrer noch in der Lage, ein Fahrzeug sicher zu steuern, wenn er einige Stunden vorher einen Joint geraucht hat? In welcher Zeit baut sich der Wirkstoff im Blut ab? Ein Jahr nach der Cannabislegalisierung sind noch immer viele Fragen offen. Die BGHW brachte eine Studie auf den Weg, die Klarheit bringen soll. 

 

Das Wichtigste im Überblick

  • Ein Jahr nach der Cannabislegalisierung sind noch immer viele Fragen offen.
  • Welchen Einfluss hat der Konsum auf die Sicherheit bei der Arbeit in Handel und Warenlogistik?
  • Antworten auf diese und viele weitere Fragen soll eine von der BGHW initiierte Studie bringen, die sich auf das Steuern von Gabelstaplern sowie auf das Fahren von Pkw und Kleintransportern konzentriert.
  • HUNDERT PROZENT war dabei, als Expertinnen und Experten die Auswirkungen des THC-Wirkstoffs auf Staplerfahrende testeten.
  • Die BGHW möchte mit den gewonnenen Erkenntnissen gezielt aufklären und sensibilisieren.
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Wissenschaftliche Erkenntnisse fehlen

Prof. Graw, vorne stehend und zwei Medizinerinnen arbeiten an zwei nebeneinander stehenden Tischen. Sie lesen, schreiben und sortieren Unterlagen.
Prof. Matthias Graw und sein Team

„Nach wie vor herrscht seit der Cannabislegalisierung große Verunsicherung bei Unternehmern. Viele Führungskräfte wissen nicht, wie sie mit dem Thema am Arbeitsplatz umgehen und wie sie sich verhalten sollen, wenn Beschäftigte unter Cannabiseinwirkung arbeiten“, erklärt Ulrich Süßner, BGHW-Referatsleiter Verkehrssicherheit und Transporte im Gespräch mit HUNDERT PROZENT. Unklar sei auch, wie lange der enthaltene Wirkstoff THC (Tetrahydrocannabinol) Einfluss auf die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit eines Menschen hat. „Erschwerend hinzukommt, dass Cannabiskonsum nicht eindeutig festzustellen ist. Die Forschungslage ist mehr als schlecht“, bedauert er. Es fehlten fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse über die Auswirkungen beim Steuern von Fahrzeugen im Straßenverkehr und erst recht zum Thema Intralogistik, den internen logistischen Abläufen im Materialtransport. Das möchte die BGHW ändern.

Forschungslücke schließen
„Unser Ziel ist es, diese Forschungslücke zu schließen. Daher haben wir eine Studie initiiert, aus deren gewonnenen Erkenntnisse wir Maßnahmen für die Sicherheit bei der Arbeit und im Straßenverkehr ableiten können“, hebt BGHW-Präventionsleiter Dr. Klaus Schäfer hervor. „Wir sind froh, dass sich auch die Selbstverwaltung der BGHW für die Durchführung der Studie mit Beschäftigten in Handel und Warenlogistik ausgesprochen hat“, so Schäfer. Der erste Teil der Untersuchungen konzentriert sich auf Staplerfahrende. Im zweiten Teil stehen Fahrerinnen und Fahrer von Pkw und Kleintransportern im Mittelpunkt. „Als Träger der gesetzlichen Unfallversicherung ist es unsere Aufgabe, Unternehmen, Führungskräften und Versicherten konkrete Empfehlungen zur Handlungssicherheit zu geben“, betont er weiter.

Diese Initiative stößt auch bei beratenden Institutionen der Gesetzgebung in Verkehr und Drogenkonsum auf offene Arme. Prof. Dr. Matthias Graw, Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München und Prof. Dr. Wolfgang Fastenmeier, Psychologische Hochschule Berlin (PHB), und ihre Teams unterstützen das Projekt der BGHW und setzen die Studie um. Prof. Graw ist Präsident der deutschen Gesellschaft für Verkehrsmedizin und Vorstand des Instituts für Rechtsmedizin der LMU München. Prof. Fastenmeier ist Präsident der deutschen Gesellschaft für Verkehrspsychologie.

Stimmen aus der Selbstverwaltung zur BGHW-Studie

Die Selbstverwaltung der BGHW setzte sich im Vorfeld intensiv mit der Cannabis-Studie auseinander. HUNDERT PROZENT sprach mit Mitgliedern des BGHW-Vorstands und des Präventionsausschusses. 

Manfred Wirsch, BGHW-Vorstandsvorsitzender und DVR-Präsident.

Manfred Wirsch, BGHW-Vorstandsvorsitzender 
Arbeitnehmerseite, DVR Präsident

„Es gibt so gut wie keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, was die Fahrtüchtigkeit nach Cannabiskonsum angeht. Deswegen hat die BGHW eine Studie auf den Weg gebracht, die – neben nach Cannabiskonsum gefährdeten Beschäftigten in der Warenlogistik – auch Verkehrsteilnehmende in den Fokus nimmt. Mit dieser Studie greifen wir die Feststellung des Europäischen Verkehrssicherheitsrats (ETSC) auf, dass mehr Forschungserkenntnisse zu Drogenkonsum im europäischen Straßenverkehr erforderlich sind. Wir wissen, dass Cannabis die Droge ist, die in Europa nach Alkohol am häufigsten von Menschen konsumiert wurde, die an Verkehrsunfällen beteiligt waren. Die Untersuchungen werden uns wichtige Erkenntnisse für die weitere Aufklärungsarbeit liefern. Seit letztem Jahr klärt der DVR mit Unterstützung der DGUV bundesweit die Hochrisikogruppe junger Verkehrsteilnehmender über die Gefahren von Cannabis im Straßenverkehr auf. So hat die Präventionskampagne ‚High fährt nicht – high lässt fahren‘ im Jahr 2024 mit über 67 Mio. Kontakten bereits erfolgreich junge Menschen sensibilisiert.“

Auf Linien balancieren und im Takt tippen

Ein Gabelstapler transportiert einen gefüllten Wasserbehälter durch einen Parcours.
Eine Aufgabe von vieren: das Transportieren eines gefüllten Wasserbehälters.

„Versuchsperson 1: Bitte bereiten Sie einen Joint vor mit Ihrem mitgebrachten Cannabis und rauchen Sie ihn. Nach dem Cannabiskonsum kommen Sie zur psychologischen und ärztlichen Untersuchung mit Blutentnahme in Raum 2. Danach gehen Sie bitte zu den Gabelstaplern auf dem Außengelände und erfüllen die fahrerischen Aufgaben im Parcours, die Ihnen die Trainer stellen. Im Anschluss treffen wir uns hier zum Diktat ...“ Diese und weitere Aufgaben erwartete die Gabelstaplerfahrerinnen und -fahrer, die sich an der Studie „Einfluss von Cannabis in Intralogistik und im Verkehr“ beteiligen. Auf dem Akademie-Gelände der Firma Richter Fördertechnik in Herborn testeten und untersuchten Ärztinnen, Ärzte und Psychologen unter der Leitung von Prof. Graw die unmittelbaren Auswirkungen des THC-Wirkstoffs bei 32 Probandinnen und Probanden. Diese balancierten unter anderem auf Linien, tippten nach Vorgaben mit den Füßen – wenn möglich – im Takt und klickten sich in mehreren Etappen an Laptops durch Geschicklichkeits- und Konzentrationsprüfungen. Sieben Blutentnahmen, sieben ärztliche sowie fünf psychologische Untersuchungen, wiederkehrende motorische und psychologische Tests sowie das Steuern und Arbeiten mit dem Gabelstapler bestimmten den eng getakteten Zeitplan.

Ein Porträtfoto von Roland Kraemer, der freundlich in die Kamera schaut.
Roland Kraemer, alternierender BGHW-Vorstandsvorsitzender der Arbeitgeberseite

Roland Kraemer, alternierender BGHW-Vorstandsvorsitzender, Arbeitgeberseite

„Ich begrüße die Initiative der BGHW-Verkehrsexperten sehr. Mit der Einbindung der Fahrerinnen und Fahrer von Gabelstaplern, Pkw und Kleintransportern repräsentieren wir mit dieser Studie einen wichtigen Anteil der BGHW-Versicherten. Diese Fahrzeugtypen kommen in vielen unserer Mitgliedsbetriebe zum Einsatz. Durch diese praxisorientierten Untersuchungen werden wir viele Synergien nutzen, ganz im Interesse von Sicherheit bei der Arbeit und im Straßenverkehr.

Not-Aus-Knopf zur Sicherheit

Zeit und Präzision waren auch bei den vier Aufgaben mit Gabelstaplern unter den Augen der Akademie-Fahrtrainer gefragt: Zum Beispiel beim Transportieren eines gefüllten Wasserbehälters um Pylonen oder beim Handling eines Balls, der mit der Stapler-Zinke von einer Pylone in ein Basketballnetz zu befördern war. „Solche komplizierten Fahraufgaben tauchen in dieser Form nicht in der betrieblichen Praxis auf“, erläuterte BGHW-Verkehrssicherheitsexperte Ulrich Süßner. Jedoch forderten sie alle manuellen und geistigen Eigenschaften, die ein guter Staplerfahrer benötigt. „Zur Sicherheit aller Beteiligten gibt es einen Not-Aus-Knopf, mit dem wir alle Fahrzeuge abschalten können“, ergänzte Hans-Peter Metzler, seit mehr als 30 Jahren Trainer der Richter Akademie. „Wir haben hier die idealen Voraussetzungen für diese Tests“, ergänzte er. 

Ein Porträtfoto von Frank Stehn, Mitglied der BGHW-Selbstverwaltung. Er lacht freundlich in die Kamera.
Frank Stehn, Mitglied der BGHW-Selbstverwaltung

Frank Stehn, Mitglied der Selbstverwaltung und des Präventionsausschusses auf Arbeitnehmerseite

„Viele Führungskräfte wissen nicht, wie sie das Thema Cannabiskonsum und Arbeitssicherheit bei ihren Beschäftigten thematisieren können, was sie dürfen und was nicht. Zum Beispiel geht es bei der Frage nach dem Cannabiskonsum vor Arbeitsbeginn um Persönlichkeitsrechte der Beschäftigten. Die stehen auch im Vordergrund, wenn Menschen aus medizinischen Gründen Cannabis während der Arbeit konsumieren dürfen. Daher unterstütze ich die BGHW-Studie und alle erforderlichen Maßnahmen, die dazu beitragen, mehr Klarheit über die Auswirkungen von Cannabiskonsum auf die Arbeits- und Fahrtüchtigkeit zu bringen. Zudem setze ich weiter auf die proaktive Beratung und gute Kommunikation zwischen Vorgesetzten und Beschäftigten.“

Typische Auffälligkeiten

Eine Frau ist von der Seite/hinten zu sehen, in der rechten Hand hält sie einen Stift. Mit dem streicht sie über die rechte Handinnenfläche einer Person, die vor ihr steht. Sie umschließt das Handgelenk der Person mit ihrer linken Hand.
Hier wird die Wahrnehmung getestet.

„Bei den Probanden sind die typischen Auffälligkeiten nach Cannabiskonsum festzustellen, schallendes Gelächter oder schläfrige Eintönigkeit. Die Reaktionen sind von Mensch zu Mensch und im zeitlichen Abstand zum Joint unterschiedlich“, erläutert Prof. Matthias Graw. Der Wirkstoff und die Konzentration im Körper seien äußerlich nicht bestimmbar. „Je häufiger und je mehr Cannabis man einnimmt, umso mehr gewöhnt sich der Körper daran und damit ändern sich auch die Wirkungen und Auswirkungen“, betont er. Zum Alkohol gäbe es einen deutlichen Unterschied: „Je mehr Alkohol man trinkt, desto höher wird die Blutalkoholkonzentration und umso stärker die Wirkung“, sagt Matthias Graw. „Für THC gibt es diesen linearen Zusammenhang eben nicht. Das macht es so schwierig.“

Erste Ergebnisse der BGHW-Studie mit Staplerfahrenden werden im kommenden Juni vorliegen. Ab Jahresmitte sollen die Tests und Untersuchungen mit Fahrerinnen und Fahrern von Pkw und Kleintransportern beginnen. Diese werden sich auf die Auswirkungen von THC-Konsum beim „Führen eines Fahrzeuges im Straßenverkehr“ konzentrieren. „Diese Fahraufgabe fordert natürlich auch ein neues Untersuchungsdesign, da sich solche Tests nicht sicher im Realverkehr durchführen lassen“, so Süßner. 

 

Ein Porträtfoto von Majo Stoll, Mitglied der Selbstverwaltung. Er schaut freundlich in die Kamera.
Majo Stoll, Mitglied der BGHW-Selbstverwaltung

Majo Stoll, Mitglied der BGHW-Selbstverwaltung und des Präventionsausschusses auf Arbeitgeberseite

„Ich sage es mit aller Klarheit: Wir brauchen verlässliche Spielregeln und Handlungshilfen für die Unternehmen. Ich begrüße esdass die BGHW diese Studie durchführt, die uns valide Erkenntnisse liefern wird. Diese Untersuchung ist längst überfällig, da bei den Mitarbeitern und Führungskräften große Verunsicherung herrscht. Technische Möglichkeiten, wie zum Beispiel beim bewährten Alkoholtest, sind bei Cannabis derzeit nicht verfügbar. Bei Transgourmet haben wir mit dem Projekt ‚Alcointerlock‘ in Bayreuth sehr gute Erfahrungen gemacht. ‚Alcointerlock‘ ist eine technische Lösung, die das Fahren unter Alkoholeinfluss durch das Aktivieren einer Wegfahrsperre verhindert. Eine ähnliche Lösung bei Cannabis wäre wünschenswert. Um die innerbetrieblichen Transporte mit Flurförderzeugen auch in Zukunft sicher zu gestalten, müssen die Unternehmen wissen, wann sie einen Mitarbeiter nach Cannabiskonsum wieder bedenkenlos einsetzen dürfen.

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