
Cannabis-Studie: Erste Ergebnisse und Fazit
„Nicht Auto fahren und arbeiten nach täglichem Cannabis-Hochkonsum!" Das empfehlen Experten nach Auswertung der BGHW-Cannabis-Studie, Teil 1, mit Gabelstaplerfahrenden.

Wie wirkt sich der Konsum von Cannabis auf die Leistungsfähigkeit und Fehlerhäufigkeit beim Autofahren aus? Dieser Frage gehen Ärztinnen, Ärzte und Psychologen in der BGHW-Studie „Cannabiskonsum in Logistik und Straßenverkehr“ nach. Auf dem Sachsenring bei Chemnitz nehmen sie Fahrerinnen und Fahrer von Pkw und Kleintransportern in den Fokus – vor und nachdem sie Cannabis rauchten.
„Nachdem wir Anfang 2025 die Auswirkungen von Cannabis-Konsum auf Gabelstapler-Fahrende untersucht haben, führen wir aktuell den zweiten Teil der Studie mit Pkw- und Kleintransporter-Fahrern durch“, erläutert Studienleiterin Dr. Maren Peschke. „Die Erkenntnisse aus den ersten Untersuchungen fließen hier mit ein.“ Peschke ist Ärztin am Institut für Rechtsmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), das die Cannabis-Studie in Kooperation mit der BGHW, der Deutschen Gesellschaft für Verkehrsmedizin (DGVM) und der Deutschen Gesellschaft für Verkehrspsychologie (DGVP) durchführt. Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung, der Deutsche Verkehrssicherheitsrat und der ADAC unterstützen das Forschungsprojekt.
Zwei Jahre nach der Legalisierung des Cannabiskonsums herrscht noch immer große Unsicherheit in der Arbeitswelt. Vor allem Führungskräfte und Unternehmensleitungen sind mit Blick auf Arbeitsschutz und Verkehrssicherheit verunsichert. „Wir haben die Studie initiiert, um unseren Mitgliedsbetrieben wissenschaftlich fundierte Handlungshilfen vermitteln zu können“, erläutert Ulrich Süßner, BGHW-Referatsleiter Verkehrssicherheit und Transport. Da man diese Tests nicht im realen Straßenverkehr durchführen könne, sei er froh, den zweiten Teil des Forschungsprojektes im „geschützten Raum“ im Fahrsicherheitszentrum Sachsenring umsetzen zu können.
Dort untersuchen und testen Maren Peschke und ein Team von Kolleginnen und Kollegen, Psychologen, Fahrlehrern und BGHW-Expertinnen und -Experten täglich sechs bis acht der insgesamt 64 Probandinnen und Probanden. Ihr gegenüber sitzt Max, Student aus Köln. Nach eigenen Angaben raucht er zwei- bis dreimal monatlich einen Joint. „Gibt es etwas, das man nicht schaffen kann?“, fragt er, während die Ärztin seinen Arm für die Blutabnahme abbindet. Nein. Das ist keine Prüfung. Es gibt nichts, was man nicht schaffen kann. Die Testfahrten und die psychologischen und medizinischen Untersuchungen sollen aufzeigen, wie lange der im Cannabis enthaltene Wirkstoff THC (Tetrahydrocannabinol) die Leistungsfähigkeit und Fehlerhäufigkeit bei den Probanden beeinflusst, erklärt Peschke.
Bevor Max und fünf weitere Probanden einen Joint rauchen und am Steuer eines Pkw Gas geben dürfen, wird ihnen Blut abgenommen, werden sie medizinisch und psychologisch untersucht und ihre Reaktionsfähigkeit getestet. Zum Beispiel, wie rhythmisch sie 15-mal mit Fersen und Fußspitzen auf dem Boden auftippen. Oder wie schnell und präzise sie am Laptop per Mausklick Zahlen und Buchstaben zuordnen können. „In computer-basierten Testungen schauen wir, wie die Reaktionen, Aufmerksamkeit und die Konzentration vor und nach dem Cannabis-Konsum ausfallen und wie sich diese kognitiven Veränderungen auswirken“, erläutert Finn Rathgeber, Psychologe und Mitarbeiter von Professor Fastenmeier, Präsident der an der Studie beteiligten Deutschen Gesellschaft für Verkehrspsychologie. Welches und wieviel Cannabis die Teilnehmenden vor ihren Praxisübungen am Sachsenring rauchen, das bleibt ihnen weitgehend überlassen. Sie sollen entweder einen für sie „üblichen“ oder einen „starken“ Joint konsumieren. „Aus unserer Erfahrung macht es keinen Sinn, eine bestimmte Dosis vorzugeben, die konsumiert werden soll“, erläutert Professor Matthias Graw, Leiter des Instituts für Rechtsmedizin der LMU. Aus der ersten Versuchsrunde mit Gabelstaplerfahrern wisse man, dass sich Auffälligkeiten unabhängig von der Konzentration des Wirkstoffes zeigten. Um diese in der akuten Phase zu dokumentieren, habe man die Versuche hier auf dem Sachsenring komprimiert.
„Gemeinsam mit den Fahrlehrern entwickelten wir zwei monotone und zwei komplexere Übungen des täglichen Autofahrens“, erklärt Professor Graw. Zunächst fahren die Probanden nüchtern, ein weiteres Mal unter dem Einfluss von Cannabis-Konsum. Max hat inzwischen einen Joint geraucht und nimmt neben dem Fahrlehrer am Steuer eines Pkw Platz. Vorsichtig startet er den Motor und fährt in den Parcours. Pylonen und Leitkegeln markieren Fahrwege und Flächen. Vier Fahr-Aufgaben sind zu erfüllen, für jede Übung hat er 7,5 Minuten Zeit. Fahrlehrer Martin Zinnert sagt ihm, wo es lang geht und schildert die Aufgabe. Mehrere Runden im wechselnden Kreisverkehr fahren, Ein- und Ausparken, Abbiegen, auf Hausnummern achten und Anhalten. Zirkelrunden fahren …
Auf der Rückbank sitzt BGHW-Verkehrsexperte Ulrich Süßner als externer Beobachter. Er achtet während der Fahrt auf Aspekte wie: An Rückspiegel- und Schulterblick gedacht? Rückwärtsfahrt: zu schnell, zu langsam oder angepasst? Spurtreue gehalten? Fahrlehrer Zinnert notiert Auffälligkeiten und Verhaltensweisen während der Fahrt. Und die fühlt sich nach rund 30 Minuten für den Studierenden aus Köln gut an. „Das Fahren ist mir nicht schwergefallen, ich fühlte mich sicher und konzentriert,“ resümiert Max. Das Fazit des Fahrlehrers fällt anders aus: Der Unterschied vor und nach Cannabiskonsum sei bei allen Teilnehmenden eindeutig erkennbar. „Die Blickführung leidet bei allen“, sagt er. Auch bei Max, dessen vorherige Nüchternfahrt einwandfrei war. Wer eine hohe Fahrkompetenz habe, könne Ausfälle besser kaschieren, weiß der Fahrlehrer.
Für Professor Graw bestätigen sich die Tendenzen des ersten Studienteils: „Bereits bei den Gabelstaplerfahrern haben wir unmittelbar nach dem Cannabis-Konsum deutliche Ausfälle und Auffälligkeiten festgestellt. Im Verlauf zeigte sich, dass die Ausfälle und Fehlerquoten relativ rasch wieder abnehmen“, berichtet er. So auch auf dem Sachsenring. „Vor allem kürzere Zeit nach dem Konsum machen sich die Leistungsausfälle und Einschränkungen bemerkbar“, so Graw. Wolfgang Fastenmeier betont, dass nach den bisherigen Erfahrungen nicht nur Laborwerte berücksichtigt werden könnten. „Laborstudien haben oft wenig Bezug zur Lebenswirklichkeit und die Frage nach der Leistungsfähigkeit wird nie gestellt – vielleicht weil es so schwierig ist, einen Zusammenhang zwischen der ermittelten THC-Konzentration und der tatsächlichen Leistungsfähigkeit herzustellen“, so Fastenmeier. Auch die subjektive Einschätzung der Probanden wirke sich auf die Fahrleistungen aus. „So scheint die subjektive Einschätzung, wie das Cannabis wirkt, eine gute Vorhersage über Risikobereitschaft und Fehleranfälligkeit der Probanden zu leisten“, ergänzt Fastenmeier. Im Frühjahr 2026 werden die Untersuchungen beendet sein, die auch den Einsatz von nicht invasiven Testmöglichkeiten umfassen. „Wir prüfen, ob Speicheltests einfache Handlungshilfen für die Arbeitgeber und Führungskräfte sein könnten, wenn es darum geht, dass Mitarbeitende unter dem Einfluss von Cannabiskonsum stehen“, so Süßner. Die ersten Ergebnisse der Studie sollen im Sommer 2026 vorgestellt werden. „Wir hoffen, dann zeitgleich fundierte Empfehlungen an unsere Mitgliedsunternehmen ausgeben können, die im betrieblichen Alltag auch umgesetzt und gelebt werden können“, bekräftigt Süßner.
Sie möchten als Testperson an der Studie „Cannabiskonsum in Logistik und Straßenverkehr“ teilnehmen? Es werden noch Probandinnen und Probanden im Alter von 18 bis 60 Jahren gesucht. Wenn Sie regelmäßig im beruflichen Alltag Kleintransporter (Sprinter) bis maximal 3,5 Tonnen fahren, aktuell regelmäßig Cannabis konsumieren und seit mindestens sechs Monaten im Besitz eines gültigen Führerscheins der Klasse B (Pkw) sind, erfüllen Sie bereits wichtige Teilnahme-Voraussetzungen. Weitere Infos zur Teilnahme an der Cannabis-Studie, die die BGHW und das Institut für Rechtsmedizin der Universität München auf dem Sachsenring durchführen, lesen Sie hier.

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